Ob es glatt läuft oder ob wir Pech haben: Es liegt an uns, wie wir mit den Gegebenheiten umgehen. | © Mario Heineman/pixelio.de
20.02.2020 – Impuls

Apostelgeschichte 1,23–26

Seid also besonnen und nüchtern und betet! Sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. Dann beteten sie: Herr, du kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen. Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. Dann gaben sie ihnen Lose; das Los fiel auf Matthias, und er wurde den elf Aposteln zugerechnet.

Einheitsübersetzung 2016

 

«Geschenk des Lebens» oder «schweres Los»?

Noch gut erinnert sich Arpad an diesen kalten Wintermorgen in Budapest im Jahre 1948, als er zusammen mit seinem besten Studienfreund Vaclav mühsam durch den Neuschnee zum Hotel Gellért stapfte. Sie hatten gehört, dass dort im grossen Saal Stipendien für das Ausland vergeben werden sollten. Sie waren etwas knapp dran und konnten sich noch gerade rechtzeitig anmelden. Aufgeregt warteten sie im grossen Saal des Hotels und konnten ihr Glück kaum fassen, als sie für ein Studium in der Schweiz ausgelost worden waren.

Als Arpad viele Jahre später Professor für anthropologische Philosophie war, verwendete er in seinen Vorlesungen gerne dieses Beispiel dafür, wie sich das Leben nach dem Zufallsprinzip in einem einzigen Augenblick radikal verändern kann, und dass der Mensch in solchen Situationen keine andere Wahl hat, als sein Schicksal in die Hände zu nehmen und sich den neuen Herausforderungen zu stellen.

In einer dieser Vorlesungen blickte er dabei verträumt aus dem Fenster und überlegte laut vor sich hin, was alles nicht gewesen wäre, hätte er dieses Stipendium nicht gekriegt, sondern vielleicht eines für London oder Paris oder sonst wohin. Der Zufall wollte es, dass just in diesem Moment am Vorlesungssaal mit seinen grossen Fensterscheiben ein Obdachloser stehen blieb und unserem Professor zuwinkte. «Ha, der Hauri!», entfuhr es ihm, und dann sinnierte Arpad über das schicksalhafte Leben seiner Kneipenbekanntschaft, und was im Leben alles passieren kann, auch im Negativen.

Unweigerlich kommt mir der Philosoph Martin Heidegger in den Sinn, der von der «Geworfenheit» des menschlichen Daseins spricht. Ungefragt, willkürlich, undurchsichtig und unwissbar sind wir mit unserem Dasein konfrontiert. Wenn es glatt läuft im Leben, dann sprechen wir gerne von einem «Geschenk des Lebens», das wir dankbar annehmen, um daraus etwas Sinnvolles zu gestalten. Wenn wir Pech haben, von Krankheit oder Schicksalsschlägen heimgesucht werden, dann sprechen wir oft davon, «ein schweres Los» zu haben. In beiden Fällen jedoch obliegt es der menschlichen Freiheit und dem persönlichen Vermögen, wie es mit diesen Gegebenheiten weitergeht.

Wie der Apostel Matthias mit seinem Los umgegangen ist, und was für ein Schicksal ihn dadurch ereilt hat, wissen wir nicht mit
Sicherheit. Die mündlichen Überlieferungen zeigen kein einheitliches Bild, ausser dass er sein christliches Engagement vermutlich mit dem Tod bezahlt hat.

Das Leben macht uns keine Garantien, wie es am Ende ausgeht. Was uns bleibt, ist die Hoffnung, wie Arpad im Rückblick sagen zu können, dass wir darin einen Sinn erkennen, und dass es, über alle Hochs und Tiefs hinweggeschaut, «schon gut so war, wie es war!». Darin versteckt sich der tiefe Wunsch, dass wir nicht mit unserem Schicksal hadern, sondern die Gestaltungsspielräume – und mögen sie noch so klein sein! – sehen und wahrnehmen.

Mathias Jäggi, Theologe und Sozialarbeiter,  arbeitet als Berufsschullehrer