Cyrill und Methodius, deren Bild hier bei ­einer Kreuzprozession in Nowosibirsk zu ­sehen ist, engagierten sich auf unterschied­li­che Weise im gleichen Projekt. | © wikimedia/Testus
07.02.2019 – Impuls

LUKAS 10,1–6b

Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit vor sich her in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte. Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist gross, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden! Geht! Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüsst niemanden auf dem Weg! Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Sohn des Friedens wohnt, wird euer Friede auf ihm ruhen.

Einheitsübersetzung 2016

 

Gemeinsam unterwegs

Es gibt unweigerlich Konflikte, wenn man zu zweit unterwegs ist, Meinungsverschiedenheiten, Kompetenzgerangel, Sympathiefragen, Verletzung von persönlichen Grenzen und vor allem Missverständnisse. Es können nicht zwei Menschen die gleiche Suppe kochen, das gleiche Auto fahren oder den gleichen Pfarrblattimpuls schreiben. Da muss man sich absprechen und die Aufgaben fair verteilen.

Diese Erfahrung machen alle, die nicht allein sein wollen. Und dennoch sind die gegenseitige Begleitung und Unterstützung, die gegenseitige Ergänzung und Korrektur so fundamental wichtig für ein gesundes Leben. Ob Lebens- oder Geschäftspartnerschaften, Reisegemeinschaften oder echte Freunde – die meisten Menschen bewältigen das Leben leichter, wenn sie mit einem anderen unterwegs sind.

Da kommen zwei von unterschiedlichen Erlebnissen, Projekten oder Aufgaben zurück, und sie können einander erzählen, was sie erlebt haben. Im Erzählen und einander Zuhören vollzieht sich das Begreifen. Erst im Teilen werden Bruchstücke ein Ganzes. Ich sehe etwas, weil du es mir zeigst, und ich bleibe auf dem Weg, weil du mich aus Irrtümern zurückrufst.

Diese Erfahrung werden die Zweiundsiebzig auch gemacht haben, die sich für das Reich-Gottes-Projekt auf die Reise haben schicken lassen. Die Botschaft war durchaus noch unklar, und die Gefahr, ins Schwärmen oder Spinnen zu geraten, war entsprechend gross. Sich gegenseitig zu stützen und zu korrigieren war eine Grundaufgabe dieser kleinen Missionsteams.

Dass Jesus seine Jüngerinnen und Jünger zu zweit auf den Weg schickt, hat aber noch einen anderen, nach aussen gerichteten Grund. Zu zweit war man glaubwürdiger, weil der eine die Rede des anderen jeweils bestätigen und bezeugen konnte. Zwei standen stets für den Weg der Wahrheit, während einer allein das Blaue vom Himmel erzählen, fantasieren oder gar lügen konnte. Zwei Ausgesandte sind natürlich auch keine Garantie für Wahrhaftigkeit, aber ihr Zeugnis, juristisch ihre Zeugenaussage, ist belastbarer.

Die Brüder Cyrill und Methodius – beide Namen sind Ordensnamen – hatten sich dem gleichen Projekt verschrieben. Sie waren durchaus unterschiedlich und klebten nicht aneinander. Aus einer griechischen Familie stammend hatten sie sich zum Ziel gesetzt, das christliche Leben im slawischen Raum zu erneuern und vertiefen. Dazu gingen sie unterschiedliche Wege – Bischof der eine, Lehrer und Übersetzer der andere, aber sie behielten einander stets im Auge. So konnten sie einander stärken, als der politische Widerstand ihnen das Leben schwer zu machen versuchte.

Gegenseitige Unterstützung ist nur möglich, wo auch die gegenseitige Abgrenzung funktioniert. Fehlt Letzteres, so verliert sich die Energie im Inneren der Partnerschaft und in der Angst, einander zu verlieren. Gibt es aber ein gemeinsames Ziel, dann können die Talente, Strategien und Vorlieben jedes Einzelnen sehr verschieden sein und einander dennoch optimal gegenseitig verstärken.

Ludwig Hesse, Theologe, Autor und Teilzeitschreiner, war bis zu seiner Pensionierung Spitalseelsorger im Kanton Baselland