Das Relief am Portal der Stiftskirche ­ St. Gallen zeigt den heiligen Notker beim ­Schreiben, seiner grossen Begabung, mit der er die Schwäche seines Stammelns ausglich. | © wikimedia /Andreas Praefcke
02.05.2019 – Impuls

Römerbrief 8,26

So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.

Einheitsübersetzung 2016

 

Gefäss des Heiligen Geistes

Kurz vor Ostern erschien in der «Neuen Zürcher Zeitung» ein Artikel, der über die teilweise recht prekäre wirtschaftliche Lage der Benediktinerklöster in der Schweiz informierte («Die Klöster wirtschaften wie KMU»; 20.4.2019). Der Bericht fasst die Situation gut und präzis zusammen. Wenn nur nicht der erste Satz wäre: «Schweizer Klöster kämpfen mit Nachwuchsproblemen.» Gleich dreimal ist in dem Text die Rede von Nachwuchsproblemen. Ich mag das Wort nicht mehr hören, denn es weckt den Eindruck, als ob sich das klösterliche Leben derart floskelhaft zusammenfassen, ja auf einen einzigen Begriff reduzieren liesse.

Der Heiligenkalender erzählt zum Glück noch ganz andere Klostergeschichten, nämlich von Mönchen und Nonnen, die es verstanden haben, ihre Begabungen und Talente nutzbar zu machen, allen Problemen und Schwierigkeiten zum Trotz. Über Jahrhunderte hinweg haben sie uns, den Nachgeborenen, einiges zu sagen, denn «sie tragen Frucht noch im Alter und bleiben voll Saft und Frische» (Psalm 92).

Einer von ihnen war Notker I. Als St. Galler Klosterschüler erhielt er in der Mitte des 9. Jahrhunderts eine gediegene Ausbildung, wurde später dort ein hochgeschätzter Lehrer, der wesentlich beitrug zur kulturellen Blüte und Ausstrahlung seines Klosters. Die ihm angeborene Schwäche des Stammelns glich er aus durch sein literarisches Schaffen, Schreiben und Dichten. Sein «Buch der Hymnen» erweist ihn als bedeutendsten geistlichen Lyriker seiner Zeit. Er verfasste und komponierte liturgische Texte, sog. «Sequenzen», die während Jahrhunderten in den Gottesdiensten gesungen wurden. Auch eine humorvolle Anekdotensammlung über Karl den Grossen verfasste er («eines der schönsten Erzählbücher des deutschen Mittelalters»). Ekkehard IV., auch er berühmter St. Galler-Mönch (980–1057), schrieb über seinen Mitbruder: «Im Beten, im Lesen, im Dichten war er unermüdlich. Und um all die Gaben seiner heiligen Persönlichkeit bündig zusammenzufassen: Er war ein Gefäss des Heiligen Geistes – so überquellend reich, wie es zu seiner Zeit kein anderes gab.» Ein Ausschnitt aus Notkers Pfingsthymne bestätigt dies:

O Geist des Segens,
der die Menschen leuchten macht:

In unsrer Seele
läutre die grause Finsternis.

Du Hehrer, der die immer rege
sinnenden Gedanken liebt:

Gelinde giesse deinen Balsam
tief in unsre Sinne ein.

(Übersetzung: Wolfram von den Steinen, 1948)

Notker bleibt bis heute ein Zeuge des Heiligen Geistes, der sich – nach den Worten (und wohl auch nach der Erfahrung) des Apostels Paulus – unserer Schwachheit annimmt und unsere Schwächen, sogar einen Sprachfehler, veredeln, korrigieren, zum Guten wenden und wandeln kann. Im Licht des Heiligen Geistes gewinnen deshalb selbst Nachwuchsprobleme andere Konturen. Dichtende Nonnen und textende Mönche weisen auf tiefere Zusammenhänge, vermitteln überraschende Einsichten, deuten die Zeitläufe aus anderer Warte: «Der Geist des Segens, der die Menschen leuchten macht»!

Es lohnt sich, Kenntnis zu nehmen von den Veranstaltungen zum 100. Geburtstag der Benediktinerin Silja Walter (1919–2011) aus dem Kloster Fahr; die Webseite www.siljawalter.ch kann weiterhelfen.

Peter von Sury, Abt des Benediktinerklosters Mariastein