Andrea Gross im Besprechungszimmer der Ehe- und Partnerschaftsberatung der Römisch-Katholischen Landeskirche BL. | © : Regula Vogt-Kohler
31.01.2019 – Aktuell

Für Paare in der Krise gibt es seit 15 Jahren Rat in Muttenz

Die Ehe- und Partnerschaftsberatung BL lädt am 22. Februar zum Tag der offenen Türe

Die Ehe- und Partnerschaftsberatung der Römisch-katholischen Landeskirche Baselland ist ein Kind des Zweiten Vatikanischen Konzils. Das Angebot für Paare, die Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Probleme brauchen, gibt es seit 45 Jahren, seit 2004 in der Fachstelle in Muttenz.

Die ewigen Flitterwochen gibt es nur im Märchen. Die meisten Ehen und Partnerschaften sind keine reinen Vergnügungsfahrten. Früher oder später kämpfen viele Paare mit Schwierigkeiten, welche das Beziehungsschiff ins Schlingern oder gar zum Kentern bringen können. Da ist es hilfreich, wenn man mit der richtigen Ausrüstung und Kontaktdaten für den Notfall unterwegs ist.

«Alle wissen, dass es nicht nur Zuckerschlecken wird», sagt Andrea Gross, Ehe- und Partnerschaftsberaterin im Auftrag der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Basel-Landschaft. Teilnehmende der Ehevorbereitungskurse, die auch zum Angebot gehören, hätten Schwierigkeiten in der Ehe als wichtigstes Thema genannt. Und wie die Statistik der Beratungsstelle zeigt, gelangt so manches Paar an den Punkt, an dem es allein nicht mehr weiterkommt.

Andrea Gross kann sich jedenfalls nicht über mangelnde Arbeit beklagen. Sie hat im August 2017 Norbert Engeler in der Ehe- und Partnerschaftsberatung der Römisch-katholischen Landeskirche BL abgelöst, und ab dem zweiten Monat seien die Anmeldungen im gewohnten Umfang eingegangen. Überdurchschnittlich viele Ratsuchende melden sich jeweils vor Weihnachten und Ostern und nach den Sommerferien. Das hat Gross bereits bei ihrer Tätigkeit in der Psychologischen Beratungsstelle in Waldshut erlebt.

SOS vor Weihnachten

Auch im Advent 2018 war wiederum ein Peak zu verzeichnen. Während es bei bereits laufenden Beratungen um die konkrete Frage gehe, wie die Festtage angesichts der schwierigen Situation ablaufen sollten, führt Gross die Erstanmeldungen auf den vor allem mit Weihnachten verbundenen Sozialdruck zurück. Weihnachten sei überladen mit Idealvorstellungen von Familie, die in grossem Gegensatz zu dem stünden, was gerade Paare in der Krise erlebten. «Mit Weihnachten wird auch alles öffentlich, was nicht stimmt.» Ähnliches gilt für Ostern.

Bei SOS-Rufen vor den Festtagen verlaufe sich der Beratungsprozess häufig wieder. Anders verhält es sich bei den Anmeldungen, die nach den Sommerferien eingehen. Daraus ergeben sich oft Beratungen, die länger andauern. «Diese Paare hatten Zeit, sich Überlegungen zu machen», sagt Gross. Zum Beispiel über die Auswirkungen früherer Aussenbeziehungen, die ans Licht gekommen sind. Fremdgehen sei generell ein häufiges Thema, und es gebe keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. «Wenn die Paare damit hier ankommen, sind sie noch zusammen.» Es gehe dann um die Fragen, wie man mit den Verletzungen umgehen und wie man wieder Vertrauen haben kann.

Steht bei den Beratungsgesprächen eine (mögliche) Trennung oder die Weiterführung der Beziehung im Vordergrund? Für die ratsuchenden Paare sei die Ehe- und Partnerschaftsberatung eine «Station Hoffnung», sagt Gross dazu. Sie begleitet aber auch Trennungssituationen, vor allem wenn es im Interesse von Kindern darum geht, wie man trotz des ehelichen Konflikts als Elternpaar funktionieren kann.

Kommunikation als Eingangspforte

Wo respektive wann drohen dem Eheschiff die grössten Gefahren? Als Klippen, die schwierig zu umschiffen sind, nennt Gross das erste Kind und die (erste) Pensionierung. Im Falle des Ruhestands sind es nicht neue Probleme, die auftauchen, sondern die «Kommunikationsprobleme von früher». Die fallen nun spürbar ins Gewicht, «weil Zeit dafür da ist». Zum Kreis der Ratsuchenden, die bei Gross in der Beratung sind, gehört eine ganze Reihe aus dieser Altersklasse. Gross meint, dies habe auch damit zu tun, dass die Leute den Lebensabschnitt nach der Arbeitstätigkeit gestalten möchten. «Die viel längere Lebenserwartung ist den Menschen bewusst geworden», sagt die Beraterin.

Generell stellt sie fest, dass in den Beratungsfällen die Dauer der Ehen und Partnerschaften im Schnitt um die zehn Jahre beträgt, das Alter der Partner jedoch im Vergleich zu früher zugenommen hat. Damit verbunden verzeichnet sie eine Zunahme der Komplexität, in welchen Situationen und mit welchen Beziehungserfahrungen sich Menschen begegnen.

Die Kommunikation sei in der Statistik das am meisten genannte Thema, berichtet Gross. Verbesserungen in der Paarkommunikation seien zwar relativ einfach zu vermitteln, das heisst aber umgekehrt nicht, dass es Menschen, die in Kommunikation super sind, einfacher haben, mit Beziehungsproblemen umzugehen. Kommunikation allein genügt nicht, es braucht auch emotionale Nähe und Empathie. Gross sagt es so: «Die Kommunikation ist eine Eingangspforte, man muss aber auch andere Kanäle öffnen.»

Regula Vogt-Kohler