Bei seinem Aufenthalt in Assisi anlässlich der Unterzeichnung der neuen Enzyklika besuchte Papst Franziskus auch die Basilika Santa Chiara. | © Regula Vogt-Kohler
04.10.2020 – Aktuell

«Fratelli tutti» schliesst auch die Frauen ein

Die neue Papst-Enzyklika hat einen gendersensiblen Titel

Die dritte Enzyklika von Papst Franziskus richtet sich mit einem gendersensiblen Titel ausdrücklich auch an Frauen. In der am 4. Oktober publizierten deutschen Fassung lautet er «Fratelli tutti – über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft».

Im Vorfeld war es zu Unstimmigkeiten darüber gekommen, wie das italienische Wort «fratellanza» (wörtlich: Brüderlichkeit) am besten zu übersetzen sei. Nicht nur aus Deutschland und der Schweiz wurden Stimmen laut, die eine inklusivere Variante forderten – mit Erfolg. Auch im weiteren Verlauf des mehr als 80 Seiten umfassenden Textes hat «Geschwisterlichkeit» die «Brüderlichkeit» an den meisten Stellen verdrängt.

Im Titel des Abu-Dhabi-Dokuments, das der Papst Anfang 2019 mit dem Kairoer Grossimam Ahmad Mohammad Al-Tayyeb veröffentlicht hatte, hiess es dagegen noch «über die Brüderlichkeit aller Menschen». In diesem Text kommt das Wort «Geschwisterlichkeit» kein einziges Mal vor.

Mit Blick auf die neue Enzyklika erklärte der päpstliche Mediendirektor Andrea Tornielli kürzlich: «Es wäre absurd zu meinen, die Formulierung des Titels beabsichtige, mehr als die Hälfte der Adressaten auszuschliessen.» Franziskus wolle sich «an alle Schwestern und Brüder, an alle Männer und Frauen guten Willens» wenden.

kath.ch / cic

Stimmen zur neuen Enzyklika

Leise Kritik der Schweizer Bischöfe: In der neuen Enzyklika kommen Frauen zu wenig zu Wort, kritisieren die Schweizer Bischöfe. Die Schweizer Bischöfe merken in ihrer Mitteilung an, dass zu wenige Frauen genannt werden, obwohl ihre Sache angesprochen werde. So schreibe der Papst in der Enzyklika: «So wie es nicht akzeptabel ist, dass eine Person weniger Rechte hat, weil sie eine Frau ist, so ist es ebenso inakzeptabel, dass der Geburts- oder Wohnort allein weniger Möglichkeiten für ein würdiges Leben und eine menschenwürdige Entwicklung mit sich bringt.»

Die Schweizer Bischöfe bezeichnen die Enzyklika als einen leidenschaftlichen und begründeten Appell an alle Menschen «guten Willens, ungeachtet ihrer religiösen Überzeugungen». Diese sollten sich in einem «echten postpandemischen Bemühen» für einen radikalen Wandel hin zu einer aktiven und universellen Achtung der Geringsten, Ärmsten und am stärksten Gefährdeten einsetzen.

Der Papst stelle unverblümt fest, dass wir «Analphabeten sind, wenn es darum geht, die Schwächsten und Schwächsten in unseren entwickelten Gesellschaften zu begleiten, zu sichern und zu unterstützen». Der Papst beschreibe den Rassismus als einen Virus der schlimmsten Art. Die Liebe werde als die einzige solide Grundlage dargestellt, nicht nur zwischen Personen, sondern auch zwischen Kulturen, Religionen und Nationen.

 

«Auftrag für eine politische Kirche» (Kommentar von Raphael Rauch, Redaktionsleiter kath.ch): Papst Franziskus sei ein politischer Papst, und «Fratelli tutti» sei ein politisches Testament, schreibt Rauch. In «Laudato si’» sei es dem Papst um das gemeinsame Haus Erde gegangen. In «Fratelli tutti» schildere er nun, wie das Haus mit Leben gefüllt werden soll. Und wie die sozialen Beziehungen in diesem Haus aussehen sollen.

Für die Kirche in der Schweiz sei die Enzyklika ein Auftrag, politisch zu sein, hält Rauch fest. Und: «Auch wenn es bürgerliche Kirchenleute nicht hören wollen: ‹Fratelli tutti› ist ein impliziter Aufruf, die Konzernverantwortungsinitiative zu unterstützen. Franziskus geisselt den Primat der Wirtschaft: ‹Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen.›»

 

«Die Notwendigkeit, sich politisch einzumischen» (Kommentar von Fastenopfer): Mit deutlichen Worten identifiziere Franziskus unser profitbasiertes und wachstumsorientiertes Wirtschaftssystem das nicht zögere, Menschen auszubeuten, wegzuwerfen und sogar zu töten (FT 22), als wesentliche Ursache für diese destruktive Lebensweise, heisst es beim Hilfswerk Fastenopfer. Dieses zieht aus der Enzyklika diesen Schluss: «Konkret kann eine Geschwisterlichkeit im Sinne von Fratelli tutti bedeuten, Anlagen aus Kohl, Erdöl oder Gas abzuziehen, nachhaltig zu konsumieren und verbindliche Sorgfalts- und Haftpflichtregeln für Konzerne festzulegen. Papst Franziskus sieht die Notwendigkeit, dass Kirche sich politisch einmischt und Stellung bezieht.»

 

Rückenwind für die Flüchtlingsarbeit (Robert Vitillio, Franziskus‘ Mann für Flüchtlingsfragen bei den Vereinten Natione): Die Enzyklika gebe seiner Organisation und anderen NGOs Rückenwind, sagt Robert Vitillo, seit 2016 Generalsekretär der International Catholic Migration Commission (ICMC). «Papst Franziskus steht voll und ganz hinter der Flüchtlingskonvention. Leider hat sie nicht jedes Land auf der Welt unterzeichnet. Papst Franziskus ruft zu tieferen, noch universelleren Werten auf, die die Grundlage des Christentums und der meisten Weltreligionen bilden. Er fordert die Menschen auf, die gottgegebene Würde aller Migranten und Flüchtlinge zu respektieren.»

 

Fehleinschätzung und Ideologie (Clemens Fuest, Präsident des deutschen ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts): Enttäuscht äusserte sich der deutsche Wirtschaftsforscher Clemens Fuest. «Es ist richtig, dass der Papst mehr Solidarität mit den Schwachen in der Welt einfordert. Es fehlen aber wegweisende Ideen dazu, wie das zu erreichen ist. Gleichzeitig strotzt der Text vor anti-marktwirtschaftlicher Ideologie und Fehleinschätzungen über Globalisierung und die Rolle von Privateigentum», sagt Fuest. «Eine allein auf Nächstenliebe beruhende Gesellschaft funktioniert nicht. Niemand will von der selbstlosen Zuwendung oder gar der Barmherzigkeit anderer abhängig sein.»

 

Der Papst ein Marxist? Ja und Nein (Daniel Bogner, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Universität Freiburg/Schweiz): Papst Franziskus bezeichnet in seiner Enzyklika das Recht auf Eigentum als «sekundäres Naturrecht». Damit lege er den Finger in eine klaffende Wunde unserer Zeit, schreibt Bogner in einem Gastkommentar bei kath.ch. Der Papst mahne, das Recht auf Privateigentum werde durch die ungleichen Ausgleichspositionen auf einem globalisierten Markt ausgehebelt. Heisst das, dass Franziskus ein Marxist ist? Ja und nein, meint Bogner. «Nein, weil er nicht den Schluss daraus zieht, dass die Menschenrechte sich erübrigen, weil sie allenfalls Instrumente in den Händen einer herrschenden Klasse sind und allen anderen Sand in die Augen streuen.»

Aber der Ansatz des Papstes habe etwas vom Geiste Marx‘, weil er dazu aufrufe, die bestehenden Eigentumsverhältnisse zu diskutieren und manches davon radikal in Frage zu stellen. Als sekundäres Naturrrecht sei Eigentum nicht per se ein Wert, sondern nur dort legitim, wo es mit Blick auf seinen Nutzen für alle erworben und bewirtschaftet werde. «Die Grund- und Menschenrechte, zu denen das Recht auf Privateigentum gehört, müssen eben allen dienen, nicht nur wenigen! Und damit das geschieht, braucht es politischen Kampf. In diesem Kampf ordnet der Papst seine Kirche in der ersten Reihe ein», schliesst Bogner.

 

Menschenrechte als Minimalstandard (Peter Kirchschläger, Professor für theologische Ethik an der Theologischen Fakultät der Uni Luzern): «Menschenwürde und Menschenrechte als ethische Kernprinzipien sieht Papst Franziskus darin gefährdet, dass sie im Zuge eines Abgleichs des jeweiligen Vorteilsstrebens der beteiligten Akteurinnen und Akteure aufgerieben und relativiert werden könnten», schreibt Kirchschläger in seinem Gastkommentar bei kath.ch.

«Die Menschenrechte sind ein Minimalstandard, kein Luxus. Sie schützen die Würde aller Menschen. Aus christlicher Sicht finden sie ihre Begründung in erster Linie in der jüdisch-christlichen Glaubensüberzeugung der Schöpfung der Menschen in Gottebenbildlichkeit und in der jüdisch-christlichen Nächstenliebe. Der Schutz und die Achtung der Menschenrechte bilden eine Hauptaufgabe christlicher Ethik.»

 Zusammenstellung: Regula Vogt-Kohler

(aktualisiert am 13. Oktober 2020)