Die Statue des heiligen Franz vor der Basilika San Francesco in Assisi. | © Regula Vogt-Kohler
01.10.2020 – Aktuell

Was in der neuen Papst-Enzyklika stehen könnte

Bereits vor der Veröffentlichung sorgt «Fratelli tutti» für Kontroversen

Am Samstag unterzeichnet Papst Franziskus seine neue Enzyklika. Was er mit seinem Grundsatzdokument für eine globale Neuorientierung nach der Corona-Pandemie sagen will, dazu äussert er sich schon seit Wochen.

«Fratelli tutti» soll die neue Enzyklika heissen und von Geschwisterlichkeit und sozialer Liebe handeln. Ähnlich wie die Explosion am 4. August in Beirut die tiefgreifende Krise des Libanon offensichtlich gemacht hat, legt für Franziskus die Pandemie langjährige Krisen der globalisierten Welt offen. Deren Symptome benennt er seit den ersten online übertragenen Frühmessen aus Santa Marta im März: Ungerechtigkeit im Gesundheitswesen und der Bildung sowie Produktions- und Konsumweisen, die die Erde zerstören und Menschen ausbeuten.

«Moment der Entscheidung»

Wer wissen will, wie der Papst sich eine globale Neuorientierung nach der Corona-Pandemie vorstellt, kann sich die Video-Ansprache ansehen, die er an die UNO-Vollversammlung in New York schickte. Die gegenwärtige Zeit der Prüfung sei zugleich ein «Moment der Entscheidung», betonte das Kirchenoberhaupt. «Wir können zwischen zwei unterschiedlichen Wegen wählen.» Der eine weise in Richtung Multilateralismus, Solidarität und neuer globaler Mitverantwortung. Der andere gebe Selbstgenügsamkeit, Nationalismus, Individualismus und Abschottung den Vorzug.

Menschenwürde und Gemeinwohl

Sicherlich werden auch etliche Aspekte in das neue Schreiben einfliessen, die Franziskus seit Anfang August in seinen Mittwochs-Katechesen aufgreift. Er sprach über die wichtigsten Grundsätze der katholischen Soziallehre: «Menschenwürde, Gemeinwohl, vorrangige Option für die Armen, allgemeine Bestimmung der Güter, Solidarität und Subsidiarität sowie die Sorge für das gemeinsame Haus». Er kritisierte die Durchsetzung persönlicher oder kollektiver Eigeninteressen auf Kosten anderer und nannte ethische Kriterien für den Wirtschaftsaufbau nach der Pandemie. Es wäre ein «Skandal», wenn öffentliche Hilfen Unternehmen zugutekämen, die nichts für Arme, das Gemeinwohl oder den Umweltschutz beitragen.

Interreligiöse Kooperation

Weil nicht Christen allein der Menschheit aus der Krise helfen können, müssen möglichst viele kooperieren, besonders Gläubige anderer Religionen. Den Gedanken, dass alle Menschen Kinder Gottes sind, hat Franziskus mit Grossimam Ahmad al-Tayyeb Anfang 2019 im Dokument von Abu Dhabi über die Brüder- beziehungsweise Geschwisterlichkeit aller Menschen behandelt. «Fratelli tutti» soll Abu Dhabi aufgreifen und fortschreiben – wie auch Franziskus’ zweite Enzyklika «Laudato si». Beide Schreiben, loben Bischöfe wie Politiker, ermöglichten Allianzen über die Kirche hinaus in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Finanzwelt und zu anderen Religionen.

Aus einer Krise wie dieser Pandemie komme man nicht unverändert heraus – «nur besser oder schlechter, es liegt an uns», warnte der Papst mehrfach. Richtige Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen – dazu will er mit «Fratelli tutti» beitragen.

Roland Juchem, kna; kath.ch / rv