Darstellung der heiligen Barbara in der Pfarrkirche Rodersdorf auf dem linken Seitenaltar; gut sichtbar sind die beiden Attribute, der Turm und der Kelch mit Hostie. | © Peter von Sury
29.11.2018 – Impuls

MATTHÄUS 10,36b–39

Jesus sagte: Die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert … Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.       

Neue Einheitsübersetzung

 

 

Familienzwist

Barbara hat trotz ihres Namens – «die Barbarin, die Fremde» – den Sprung in den erlauchten Kreis der Vierzehn Nothelfer geschafft und wird zusammen mit zwei Kolleginnen mit einem eigenen Vers geehrt:

«Margareta mit dem Wurm,
Barbara mit dem Turm,
Katharina mit dem Radl,
das sind die drei heiligen Madl.»

Hinter den volkstümlichen Reimen verbirgt sich blutiger Ernst bis auf den heutigen Tag. Weltweit werden Mädchen und Frauen ausgebeutet und zwangsweise verheiratet, verstümmelt und vergewaltigt (auch aus religiösen Motiven, da gibts nichts zu beschönigen). Vielerorts gilt die Ehre der Familie alles, nichts hingegen die körperliche, geistige und seelische Unversehrtheit der jungen Frau. Glaubenskrieg in der Familie: Auf dieser Bühne tritt Barbara, die Jungfrau-Märtyrin, als Hoffnungsträgerin auf. Die Legende entlarvt den schwelenden Familienzwist, die sadistische Grausamkeit der nächsten Angehörigen, nennt die hässliche Realität beim Namen, dass nämlich der Vater die eigene Tochter umbringt. Doch das «schwache Geschlecht» übersteht alle Anfechtung, geht in Würde den Weg bis zum Ende, bleibt treu bis in den Tod. Ob das der Grund ist, warum Barbara gerade für starke Männer (Bergleute und Kumpels, Tunnelbauer und Artilleristen) eine glaubwürdige Schutzpatronin ist?

Die Kirche spricht mit Bewunderung und Hochachtung von einem «zweifachen Sieg», den die heroischen Frauen errungen haben, einerseits durch ihr jungfräuliches Leben, anderseits durch ihr Martyrium. Für heutige Ohren klingt das ein wenig verdächtig. Die frühe Christenheit jedoch verstand die Jungfräulichkeit als Zeichen der Unabhängigkeit von familiären Zwängen und männlichen Machtansprüchen. Die Jungfrau hatte sich emanzipiert von despotischen Vätern und aufdringlichen Liebhabern, von Konventionen und Traditionen, um sich exklusiv Christus hinzugeben, ein Akt, der seine höchste Sublimierung findet in der Bereitschaft, aus Liebe zum göttlichen Bräutigam in den Tod zu gehen.

Entsprechend tiefgründig sind die beiden Attribute der Heiligen, der Turm und der Kelch mit der Hostie. Der Turm symbolisiert Festigkeit und Treue, Verlässlichkeit und Geborgenheit, verweist auf die Verstossung durch die Familie und gleichzeitig auf die Unantastbarkeit der Gewissensfreiheit: «Du, Gott, bist meine Zuflucht, ein fester Turm gegen die Feinde» (Psalm 61). Kelch und Hostie in der Hand einer Frau: Ein starkes Stück! «Ich will den Kelch des Heils erheben und anrufen den Namen des Herrn!» Dieser Vers aus Psalm 116 wurde früher gern aufs Primizbildchen eines Neupriesters gedruckt.

Es liegt also nahe, in Barbara die Priesterin zu sehen, die berufen ist, Sterbende mit dem heiligen Sakrament zu stärken, Mutlose aufzurichten, Verzagte zu trösten. So hat sich an ihr die Verheissung erfüllt: «Wer das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden» – und weitergeben! Das ist auch die Botschaft des Barbarazweigs. Er wird am 4. Dezember vom Kirschbaum geschnitten, in der Erwartung, dass er an Weihnachten zum Blühen kommt. Schlicht und schön verheisst er in winterlicher Nacht und Kälte neues Leben.

Peter von Sury, Abt des Benediktinerklosters Mariastein