Eine Lichtinstallation macht die rekonstruierten Marienbilder sichtbar. So präsentiert sich der Blick auf die erste von drei Bildergruppen mit der Verkündigungsszene (unten). | © Regula Vogt-Kohler
09.05.2019 – Aktuell

Es wurde Licht – und Maria spricht

Die Marienbilder im Basler Münster aus der Sicht von Kunsthistorikerin Carola Jäggi

Im Spätmittelalter zierten farbige Marienbilder das Gewölbe im Mittelschiff des Basler Münsters. Vermutlich als Folge der Reformation verschwanden sie – aber nicht ganz. 1999 hat die Kunsthistorikerin und Archäologin Carola Jäggi den Freskenzyklus rekonstruiert.

Unsichtbar – das ist ein passendes Stichwort für das Jubiläum «1000 Jahre Heinrichsmünster». «Wir feiern ein Münster, das wir von blossem Auge nicht mehr sehen können», sagte Caroline Schröder Field, Pfarrerin am Basler Münster, zur Begrüssung des ersten Anlasses in der Reihe «Mit Maria im Gespräch». In Form von Resten im Fundament gibt es das nach seinem Stifter Kaiser Heinrich II. benannte Münster noch, und im Verborgenen haben auch die im frühen 15. Jahrhundert entstandenen Marienbilder weiter existiert.

Auf ihre Spur stiess man, als anlässlich einer seit 1989 andauernden Innenrestaurierung nach der Entfernung der im 19. Jahrhundert aufgetragenen Leimfarbe winzige Farbpartikel zum Vorschein kamen. Fotografien unter UV-Lampen machten mehr oder weniger deutlich, wie das Gewölbe über dem Mittelschiff einst ausgesehen hat. «Sie müssen sich diese Malereien sehr bunt vorstellen», sagte Carola Jäggi, welche die Darstellungen aufgrund der Fotos 1999 rekonstruiert hat.

Die Malereien sind in der von Jäggi wiederhergestellten Form seit Palmsonntag als Lichtinstallation zu sehen. Manche Szenen sind auch für ein wenig fachkundiges Auge gut erkenn- und somit auch interpretierbar, aber bei vielen einzelnen Bildfeldern ist es ohne Anleitung nicht möglich, sich ein Bild zu machen. Dies gilt auch für das Gesamte.

Jäggi befasste sich bei der Rekonstruktion auch mit der Frage, ob es für den Bilderzyklus ein Programm gegeben hat. Klar ist, dass es sich nicht um eine fortlaufende Erzählung handelt. Der Zyklus beginnt mit der Erscheinung des Engels Gabriel bei Maria, dem Moment der Menschwerdung von Jesus. Doch nach wenigen Szenen bricht die Jesusgeschichte ab, Darstellungen von Passion und Tod am Kreuz fehlen gänzlich. Eindeutig erscheint aber auch, dass Maria, der das Heinrichsmünster 1019 geweiht wurde, im Zentrum steht – als Gottesmutter und Himmelskönigin, als die Unbefleckte und damit von der Erbsünde Befreite.

Die Zeit der Entstehung lässt sich zumindest eingrenzen. Belegt ist, dass das Gewölbe des Querschiffs in seiner heutigen Form 1400/1401 entstanden ist. Aufgrund von Steinmetzzeichen ist davon auszugehen, dass auch das Mittelschiffgewölbe im frühen 15. Jahrhundert erneuert worden ist. Möglicherweise gab das Konzil, das ab 1431 in Basel tagte, Anlass für die Malereien, vielleicht war es umgekehrt.

Auch zum Verschwinden der Bilder gibt es viele offene Fragen. Belegt ist eine Innenrenovation aus dem Jahr 1596, und klar ist auch, dass der Freskenzyklus nicht nur übermalt, sondern abgeschabt worden ist. Zum Glück nicht gründlich genug.

Regula Vogt-Kohler

Spurensuche im Münster: Nur bei der thronenden Maria reichten die Farbreste für eine Farbrekonstruktion (Ausschnitt aus dem Vortrag von Carola Jäggi am 3. Mai). | © Regula Vogt-Kohler