Der leere Tabernakel am Karsamstag stellt die Abwesenheit des verstorbenen Christus dar. In der Gestaltung in der Kirche St. Mauritius Dornach (durch die Basler Bildhauerin Owsky Kobalt, 1972) erinnert er zugleich an das leere Grab und den weggewälzten Stein: Den Auferstandenen findet ihr hier nicht. Geht zu den Menschen, dort werdet ihr ihn finden. | © Ludwig Hesse
10.04.2020 – Impuls

Offenbarung 12,10–12A

Da hörte ich, Johannes, eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Königsherrschaft ­unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten; denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte. Sie haben ihn ­besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und ihr Zeugnis. Sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod. Darum jubelt, ihr Himmel und alle, die darin wohnen.  

Einheitsübersetzung 2016

 

Es gibt Wichtigeres als meinen Tod!

Der Karsamstag ist ein ganz besonderer Tag, der Tag der Grabesruhe Jesu zwischen den Tränen des Karfreitags und dem Jubel des Ostersonntags. Meist wird dieser Karsamstag missachtet und gebraucht als Vorbereitungstag für das Osterfest. Die durchaus vielfältigen praktischen und vielleicht auch notwendigen Tätigkeiten lassen vergessen, dass der Sinn von Kar- und Osterwoche darin liegt, den Weg Jesu zu begleiten, zu bedenken und so besser zu verstehen. Der Karsamstag ist die Mitte dieser Zeit, absolute Tiefe des Unglücks und der Ratlosigkeit.

Wie rettet man sich aus der Ohnmacht? Wie geht man um mit Niederlagen? Wie bewältigt man Trauer? Sicher kann man sich in Aktivismus stürzen; dann merkt man weniger, wie sehr man verletzt und enttäuscht ist. Man kann sich mit aller Kraft in das Leben nach dem Verlust hineinretten, um der Leere zu entgehen, die man meint nicht aushalten zu können. Aber ich weiss nicht, ob dieser Umgang mit dem «Nicht-wissen-wie-es-weitergeht» wirklich hilfreich ist.

Der Karsamstag ist eine Einladung, der Erfahrung der Ratlosigkeit nachzuspüren. Im kirchlichen Ritual wird dies deutlich durch den offen stehenden leeren Tabernakel. Er stellt das Herz dar, in dem nun, nach dem Tod des Geliebten, niemand mehr wohnt. Das Bild tut weh, aber ich mag dieses Bild. Denn wie kaum eine andere Darstellung spiegelt sie diese Lebenssituation. Ich selbst habe sie durchaus schon erlebt. Und ich habe erfahren, dass es nicht gut ist, den Schmerz mit einem Schulterzucken wegdenken zu wollen. Dabei bleibt die Seele zurück.

Wie zwischen dem Ausatmen und dem Einatmen ein Moment der Leere liegt, so liegt zwischen dem Karfreitag und dem Osterfest der Karsamstag. Es gilt, auszuhalten, um zu begreifen. Was vergangen ist, klingt nach wie ein Echo. Was kommen wird, kann nicht vorweggenommen werden.

Zufällig deckt sich in diesem Jahr das Datum des Karsamstags mit dem Gedenktag des hl. Stanislaus, eines Bischofs im Polen des 11. Jahrhunderts. Ermordet wurde er, weil er dem Machthaber unangenehm den Spiegel vorgehalten hat. Während des Gottesdienstes wurde er umgebracht. Auch sein Tod raubt uns den Atem an diesem Karsamstag. Aber wir sehen die Parallelen mit den vielen anderen, die das gleiche Schicksal erlitten haben, zum Beispiel mit Bischof Óscar Romero. Wir tun nicht gut daran, all diese Märtyrer zu rasch zu vergolden und in die Schar der Heiligen zu stellen. Besser wäre es, unsere Entrüstung und Wut zu spüren, vielleicht auch unsere eigene Angst.

Wir könnten uns fragen, ob es auch für uns etwas Wichtigeres gibt als unser eigenes Leben. Jesus wurde wegen seiner Überzeugungen umgebracht. Er war und blieb sich selbst treu und seinem Gott. War das diesen Kreuzweg wert? Und die anderen, zu denen wir aufblicken? «Sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod», so kommentiert die Offenbarung. Wir halten sie für mutig. Wie treu sind wir unseren Überzeugungen?

Der offene leere Tabernakel am Karsamstag lädt ein zur Meditation, vielleicht gar zur Selbstbesinnung, zur Konfrontation mit den eigenen ungelösten Fragen. Vielleicht nehmen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich am Karsamstag Zeit für Ihre ganz private Leere. Gehen Sie in eine Kirche und setzen Sie sich vor den Tabernakel und halten Sie die Zeit dort aus, ohne kluge Gedanken, ohne Flucht in den Alltag. Die Stille ist der Geburtsort der Hoffnung. Spüren Sie den Moment vor dem neuen Atemzug. Vielleicht spüren Sie in der Karsamstagsleere hinein in Ihr eigenes Herz und ahnen, was Ihnen wichtiger sein könnte als Ihr eigenes Überleben.

Ludwig Hesse, Theologe, Autor und Teilzeitschreiner, war bis zu seiner Pensionierung Spitalseelsorger im Kanton Baselland.