Alte Weinflaschen: Der Inhalt ist entscheidend, aber ohne Gefäss ist er verloren. | © Marco Görlich/pixelio.de
28.03.2019 – Impuls

 

Korinther 4,5–7

Wir verkünden … nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als ­eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit aufstrahlt die Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefässen; so wird deutlich, dass das Übermass der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.

Einheitsübersetzung 2016

 

Es geht um den Wein, nicht um die Flasche

Manchmal ist es fast nicht zu ertragen, wie sehr zerbrechlich und irdisch das Gefäss ist, in dem die Kirche den Schatz des Glaubens zu bewahren versucht. Und doch ist das Gefäss notwendig, wenn überhaupt ein Schatz an andere Generationen weitergegeben werden soll. Klar sollte man meinen, das Gefäss sollte so glaubwürdig sein wie sein Inhalt. Aber das ist natürlich eine Illusion. Das Gefäss ist und bleibt ein Hilfsmittel, nicht mehr. Die Kirche ist ein Hilfsmittel, um den Schatz des Glaubens zu vermitteln. Ob es dazu taugt, muss immer wieder überprüft werden.

Da gibt es Menschen, die glauben, sie könnten auf so zerbrechliche, sagen wir ruhig sündige Strukturen wie eine Kirche verzichten. Sie meinen, man könne auf Ämter und Formen verzichten und den Glauben ganz privat im Kämmerlein des Herzens und Gewissens leben. Wie sehr täuschen sie sich, wenn sie die eigene Seele für weniger zerbrechlich, verführbar und fehlbar halten.

Kommt hinzu, dass die Weitergabe des Glaubens nicht funktioniert ohne Feier und Katechese, und dass die Wirksamkeit des Glaubens in der Welt sich nicht entfaltet ohne politische Einflussnahme, und dass ein Zusammenhalt der Glaubenden nicht funktioniert ohne eine soziale Struktur. All das gehört zum zerbrechlichen Gefäss Kirche.

Dennoch ist es fast nicht zu ertragen, wenn sich dieses Gefäss eben nicht als dienendes Instrument darstellt, sondern sich selbst mehr in den Mittelpunkt stellt als den Schatz, den es hütet. Nein, wir dienen nicht einer heiligen Kirche, sondern wir sind Diener des Evangeliums und des Glaubens der Menschen. Die Kirche hat immer die Tendenz, diesen Schatz auch in der Form ihrer Selbstdarstellung sichtbar machen zu wollen. Das führt(e) dann zu einer Pracht, die uns vergessen machen soll, dass die Kirche irdisch, sündig und zerbrechlich ist. Hinter jeder Heiligenfigur verbirgt sich nichts als Stein oder Gips, unter strahlendem Gold ist brennbares Holz.

Nein, ich bin kein Kultur- und Kunstverächter, ganz im Gegenteil. Und ich finde nicht, dass der Glaubensschatz besser gehütet wird, wenn die Mittel dazu fehlen. Aber manchmal kommt es mir so vor, als ob über die Flasche und das Etikett mehr diskutiert würde als über den Wein, der darin aufbewahrt und daraus ausgeschenkt wird. Die gegenwärtige heftige Ablehnung der sündigen Menschlichkeit der Kirchenmenschen erstaunt mich doch sehr. Bessere Menschen ohne Fehl und Tadel wären wünschenswert, aber sie bleiben stets zerbrechliche Wesen.

Dabei ist die Notwendigkeit der Erneuerung der Glaubwürdigkeit, der Selbstbesinnung auf den Auftrag und der Verfolgung von Verfehlungen unbestritten. Mehr aber erstaunt mich, dass es bis heute gelungen ist, den Glauben über die Jahrhunderte zu bewahren und seine Quellen immer wieder neu zu erschliessen. Dabei waren die Zustände in der Kirche durchaus schon schlimmer als heute, auch wenn ich sie heute für eher schlimm halte.

Den Schatz unserer Religion zum Leuchten zu bringen, nicht durch vergoldete Altäre und idealisierte Amtsträger, das wäre wohl unsere Aufgabe, und nicht beim Lamento über den Zustand des zerbrechlichen Gefässes stehen zu bleiben. Isidor von Sevilla und Paulus mögen uns daran erinnern.

Ludwig Hesse, Theologe, Autor und Teilzeitschreiner, war bis zu seiner Pensionierung Spitalseelsorger im Kanton Baselland