Den Anstoss zum neuen UNO-Gedenktag für Opfer religiöser Gewalt gab die polnische Anwältin Ewelina Ochab. | © Kirche in Not
21.08.2019 – Aktuell

Religiös motivierte Gewalt hat stark zugenommen

Der 22. August ist der erste UNO-Gedenktag für Opfer religiöser Gewalt

Der 22. August wurde von der UNO zum Internationalen Gedenktag für Opfer religiöser Gewalt erklärt. Die Resolution dazu wurde im Mai verabschiedet. Dieses Jahr ist der Gedenktag nun ausschliesslich dem Thema der religiös motivierten Gewalt gewidmet und zielt darauf ab, ein Phänomen sichtbar zu machen, das in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen hat.

Die aus Polen stammende Anwältin und Autorin Ewelina Ochab hatte im September 2017 nach einer vom päpstlichen Hilfswerk «Kirche in Not (ACN)» veranstalteten internationalen Konferenz in Rom die Initiative ergriffen, um die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf Verletzungen der Religionsfreiheit zu lenken. Seitdem sprach sie auf vielen Konferenzen, um ein Netzwerk aus Unterstützern zu bilden. Der Resolutionsvorschlag wurde schliesslich von Polen in die UNO-Vollversammlung eingebracht. Die USA, Kanada, Brasilien, Ägypten, Irak, Jordanien, Nigeria und Pakistan hatten den Vorschlag unterstützt. «Es war ein langer Prozess mit vielen Beteiligten, aber ‹Kirche in Not (ACN)› war die Inspiration dafür», sagte Ochab laut einer Mitteilung von ACN.

«Nur ein erster Schritt»

Thomas Heine-Geldern, geschäftsführender Präsident von «Kirche in Not (ACN)», sieht den neuen Gedenktag als wichtigen Meilenstein, der aber nur ein erster Schritt sein dürfe: «Der 22. August darf nicht Selbstzweck sein, sondern muss einen Prozess anstossen, der die internationale Gemeinschaft zu einem koordinierten Aktionsplan bewegt, um religiöse Verfolgung zu beenden und künftig zu verhindern. Es ist eigentlich die Pflicht der Vereinten Nationen, der Regierungen und politischen Akteure dem Menschenrecht auf Religionsfreiheit Geltung zu verschaffen. Dem symbolischen Tag müssen jetzt Taten folgen.» Ein notwendiges Instrument sei unter anderem die Einrichtung einer UN-Plattform, um den Austausch mit Vertretern der verfolgten religiösen Gruppen zu fördern, erklärte Heine-Geldern. Zudem müssten die Vereinten Nationen auf die Einrichtung eines internationalen Tribunals für Gewaltakte hinarbeiten, die sich gegen Gläubige richten.

Die Organisation Open Doors Schweiz, die sich gegen die Christenverfolgung einsetzt, verweist in einer Medienmitteilung zum UNO-Gedenktag auf die Forschungen des privaten amerikanischen «Pew Research Center», die von «sehr ernsten» sozialen Konflikten religiöser Natur in Indien, Syrien, Irak, Ägypten und Nigeria sprechen. Oder auf das «Independent Research Centre» in Washington, das eine Liste von Ländern erstellte, in denen die Regierungen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit oder ihrer Überzeugungen «sehr starken Druck» auf bestimmte Bevölkerungsgruppen ausübten. An der Spitze dieser Liste steht China, gefolgt vom Iran, Indonesien, Malaysia und den Malediven. Laut Open Doors sind Christen weltweit am häufigsten von religiöser motivierter Gewalt betroffen, wie der jüngste Bericht im Auftrag des britischen Aussenministers Jeremy Hunt zeige.

Dramatische Situation in China und Südostasien

Laut einer von Vatican News veröffentlichten Meldung ist die Toleranz gegenüber Minderheitenreligionen in Asien besonders gering. Nicht nur Christen seien gefährdet. So meldete die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua zwar den UNO-Beschluss im Mai im Detail: «Die Resolution verurteilt nachdrücklich alle Gewaltakte gegen Personen aufgrund ihrer Religion oder Weltanschauung sowie alle derartigen Akte, die sich gegen ihre Häuser, Geschäfte, Grundstücke, Schulen, Kulturzentren oder Kultstätten richten, sowie alle Angriffe auf religiöse Orte, Stätten und Schreine als Verstoss gegen das Völkerrecht.» Offenbar fühlte sich die Regierung in Peking durch die Einführung des Gedenktags für die Opfer religiöser Gewalt, der am 22. August 2019 erstmals begangen wird, keineswegs selbst angesprochen. Obwohl sie in Tibet Buddhisten unterdrückt, die muslimischen Uiguren verfolgt, die Katholiken des Landes unter ihre Fuchtel zwingt und Kreuze von Kirchendächern abreissen lässt.

Auch in anderen asiatischen Staaten nimmt die Unterdrückung religiöser Minderheiten zu. Unter anderem in Indonesien, dem Land mit der weltweit grössten muslimischen Bevölkerung, wurde die zunehmende religiös-politische Polarisierung bei der Präsidentschaftswahl Ende April deutlich. Amtsinhaber und Wahlgewinner Joko Widodo hatte sich mit dem konservativen Kleriker Ma’ruf Amin als Vizepräsidentschaftskandidat verbündet, um seinem Herausforderer Prabowo Subianto und dessen salafistischen Hilfstruppen Paroli zu bieten.

Religiös motivierte Gewalt riesigen Ausmasses war die Vertreibung von mehr als 700’000 muslimischen Rohingya aus Myanmar durch die Armee. Den Boden für den Hass gegen Muslime bereiten extremistische buddhistische Mönche.

Dringende Massnahmen gefordert

Parlamentsabgeordnete der südostasiatischen Staaten fordern «dringende» Massnahmen zur Bekämpfung der wachsenden religiösen Intoleranz. «In der ganzen Region sehen wir eine Zunahme der Verbreitung von Hass, Diskriminierung und Gewalt gegen Minderheiten», warnten die «ASEAN-Parlamentarier für Menschenrechte» im Mai dieses Jahres. Es gebe noch zu viel «Unwissenheit» und «Missverständnisse» über die Religions- und Glaubensfreiheit als Teil der Menschenrechte. Das sei «extrem beunruhigend».

Zeichen setzen für Solidarität und Frieden

Es gibt aber auch die andere, die tolerante Seite. Basisinitiativen, vor allem in Ländern mit hohem religiösem Konfliktpotenzial, setzen neuerdings Zeichen der Solidarität und des Friedens. In Indonesien schützen Mitglieder muslimischer Jugendorganisationen an Karfreitag, Ostern und Weihnachten christliche Kirchen vor Anschlägen. Muslime unterstützen Spendenaktionen zur Renovierung der katholischen Kathedrale in Pakistans Metropole Karachi. Als buddhistische Extremisten in Myanmar während des Ramadans in diesem Jahr Moscheen gewaltsam schließen wollten, verteilten junge Buddhisten vor den betroffenen Moscheen weisse Rosen als Symbol des Friedens an Muslime. Ihnen allen könnte der neue Gedenktag für die Opfer religiöser Gewalt nun Auftrieb geben.

vaticannews/kh