Blick auf die Slums der Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch (2018). | © fabian-berg.photo/Caritas Schweiz
14.05.2020 – Hintergrund

Entwicklungsländer sind dem Virus schutzlos ausgeliefert

Klimakrise verschlimmert die verheerenden Auswirkungen von Corona im Süden

Im globalen Süden kämpfen die Armen bereits jeden Tag mit den verheerenden Klimafolgen. Wegen fehlender Ressourcen sind sie auch der Gesundheitskrise Covid-19 schutzlos ausgeliefert.

Wie in vergangenen Krisen geraten bei Covid-19 die schwächsten Mitglieder in der Gesellschaft am stärksten unter die Räder. Das stimmt für die Schweiz und gilt erst recht für ärmere Länder: Weil vielerorts öffentliche Sozialsysteme und eine flächendeckende Gesundheitsversorgung fehlen, geraten die Ärmsten in Entwicklungsländern in existenzielle Nöte. Mit dem Virus wird sich ihre Lage verschlimmern. Bereits befürchtet die UNO, die Zahl der Hungernden könnte sich bis Ende Jahr verdoppeln.

Was für Covid-19 stimmt, trifft ebenso für die globale Klimakrise zu: Wie Corona betrifft auch die fortschreitende Erderwärmung jeden Menschen auf dieser Erde. Die Ärmsten im globalen Süden trifft es am härtesten. Ihnen fehlen die Möglichkeiten, sich angemessen auf Krisen jedweder Art vorzubereiten. Die betroffenen Menschen kämpfen zur selben Zeit gegen die noch unabsehbaren Folgen von Corona und gegen die täglichen Verwüstungen durch die Klimaveränderung.

Klimafolgen erschweren Eindämmung

Der vielbeachtete Klimarisikoindex von Germanwatch zeigt die besondere Verletzlichkeit ärmerer Länder: Die zehn Staaten, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten am stärksten von extremen Wetterereignissen betroffen waren, sind allesamt Entwicklungsländer. In einkommensschwachen Ländern wie Haiti, Myanmar, Nepal, Philippinen oder Mosambik sind Todesfälle und existenzielle Bedrohungen durch Extremwetter viel wahrscheinlicher. Und relativ zu deren Wirtschaftskraft sind die Schäden immens.

In der Sahelregion zum Beispiel leiden schon heute wegen Dürren mehrere Millionen Menschen Hunger. Breitet sich das Virus in Ländern wie Niger, Tschad, Mali oder Südsudan aus, droht die Ernährungssituation noch prekärer zu werden. Massnahmen zur Corona-Eindämmung liessen sich kaum umsetzen. Ein Shutdown, wie er in Europa verordnet wurde, wäre in diesen Ländern eine existenzielle Bedrohung für arme, im informellen Sektor tätige Menschen. Überall fehlt es an sauberem Wasser und an sanitären Einrichtungen.

Ebenfalls besorgniserregend ist die Lage in Südasien. In Bangladesch, das stark unter der fortschreitenden Klimaveränderung leidet, machen Überschwemmungen und versalzene Böden ein Leben in der Landwirtschaft immer schwieriger. In der Folge geben viele Bäuerinnen und Landwirte auf und wandern in die überfüllten Vorstädte der Metropolen ab, auf der Suche nach besseren Lebensumständen und Verdienstmöglichkeiten. Doch die Slums sind für die Ausbreitung des Coronavirus ein perfekter Nährboden.

Nachhaltige Unterstützung ist nötig

Angesichts der bereits prekären Klimafolgen stellt der Umgang mit der Coronakrise diese Länder vor zusätzliche Herausforderungen. Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds IWF haben deshalb milliardenschwere Covid-19-Hilfspakete für Entwicklungsländer ins Leben gerufen. Gleichzeitig hat die UNO einen weltweiten Nothilfeaufruf zur Bekämpfung des Virus in 51 Ländern in Südamerika, Afrika, dem Nahen Osten und Asien gestartet.

Inzwischen haben die G  20, die grössten Volkswirtschaften der Welt, ein Schuldenmoratorium für die 77 ärmsten Länder beschlossen. Dadurch werden Milliarden für dringend notwendige Investitionen in die Gesundheitsversorgung freigesetzt. Private Gläubiger müssen nun folgen und ebenfalls Zahlungsaufschübe gewähren. Was es jedoch am dringendsten braucht, sind grosszügige und nachhaltige Unterstützungsleistungen der wohlhabenden Länder in Form von nicht rückzahlbaren Zuschüssen – zur Bewältigung der Gesundheitskrise und für existenzsichernde Anpassungsmassnahmen an die Folgen der Erderhitzung.

Was nach viel klingt, ist zu wenig

Am 30. April informierte der Bundesrat, die Schweiz beteilige sich finanziell und mit Hilfsgütern bei der Bewältigung der Coronakrise. Bereits haben DEZA und Seco im Rahmen der bestehenden Budgets laufende Entwicklungsprogramme im Umfang von 100 Millionen Franken angepasst. Ausserdem will man zinslose, rückzahlbare Darlehen für das IKRK, den IWF und weitere Organisationen bereitstellen. Das ist ein wichtiger Schritt. Er reicht aber nicht. In einer Notlage muss der Bundesrat zusätzliche finanzielle Mittel und Ressourcen bereitstellen.

In den vergangenen Jahren bewegte sich der Anteil der schweizerischen Entwicklungshilfe (APD) am Bruttonationaleinkommen (BNE) um 0,4 Prozent herum. Damit ist die Schweiz weit vom international verankerten 0,7-Prozent-Ziel der UNO entfernt. Angesichts der fortschreitenden Erderwärmung und um negative Entwicklungsfolgen der Corona-Krise aufzufangen, sollte die Schweiz ihre Entwicklungsausgaben aufstocken – aus Solidarität, aber auch im eigenen Interesse an einer gemeinsamen, erfolgreichen Bewältigung solch globaler Krisen.

Patrik Berlinger/Caritas Schweiz