Chor der Patoisants d’Ajoie et du Clos-du-Doubs in der Patois-Messe vom 20. September in der Stiftskirche von St-Ursanne; rechts im Chorgestühl Domherr Jacques Oeuvray und Diakon Philippe Charmillot. | © Christian von Arx
22.09.2020 – Aktuell

A nom di Pére, di Bouebe èt di Sïnt Echprit

Am Bettag gab es in St-Ursanne eine Messe im Patois der Ajoie und des Clos du Doubs

Fremd und unverständlich klang es und doch ganz einheimisch: Am Eidgenössischen Bettag gab es in der Stiftskirche von St-Ursanne einen Gottesdienst mit Liturgie und Gesängen ganz im Patois der Ajoie und des Clos du Doubs.

«Que le Segneû feûche aidé aivô vôs! – Et d’aivô vot’echprit!» «Der Herr sei mit euch! – Und mit deinem Geiste!»

Den Beistand des Herrn hatte der auswärtige Besucher nötig, um wenigstens zu erahnen, was in diesem Gottesdienst vor sich ging. Die einzige Hilfe war das am Kircheneingang abgegebene Blatt, auf dem der Ablauf der Messe und die vom Volk gesprochenen Gebete standen. Zwar wirkt das Schriftbild des geschriebenen Patois etwa so exotisch wie Irisch oder Baskisch. Aber die bekannten Schritte der katholischen Liturgie ermöglichten wenigstens eine Orientierung.

Die Messe in Patois war ein Beitrag der Patoisants d’Ajoie et du Clos-du-Doubs zum 1400-Jahr-Jubiläum von St-Ursanne – oder Sïnt-Ochanne, wie das Städtchen auf Patois heisst. In Trachten im Chorraum der romanischen Stiftskirche aufgestellt, sang der Chor der Mundartfreunde aus der Region alle Lieder und liturgischen Gesänge auf Patois. Nach einer Begrüssung auf Französisch durch den Pastoralraumleiter, Diakon Philippe Charmillot, gestaltete der emeritierte Chanoine (Domherr) Jacques Oeuvray die Liturgie von Anfang bis Ende ganz in Patois.

«Nôt‘ Pére qu’ât â cïe»

Sogar die Lesungen aus der Bibel hatte der Domherr übersetzt, Glaubensbekenntnis und Vater unser wurden gemeinsam gebetet. «Nôt‘ Pére qu’ât â cïe, que ton nom sait sainctifiè» steht für «Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name». «Die heilige katholische Kirche» heisst in Ouevrays Patoisfassung des Credos «lai rotte des catholiques», und statt «Amen» steht: «Qu’èl en feûche dïnche.» Auch das Hochgebet sprach der Priester auf Patois, ebenso gab das Volk die rituellen Antworten.

Von der Predigt kann der Besucher nur berichten, dass ihn der Tonfall an häusliche Erzählungen erinnerte. Das Lachen an verschiedenen Stellen zeigte, dass von den vielleicht 200 Personen in den Kirchenbänken wohl die meisten der Predigt folgen konnten. Die Besucher dieses speziellen Gottesdienstes waren sicher kein Durchschnittspublikum, denn Patois sprechen und verstehen auch im Jura heute nur die wenigsten.

Fürs Patois gabs in der Schule «Tatzen»

Wer heute noch Patois könne, habe es zu Hause gelernt, von den Eltern oder Grosseltern, sagte Diakon Charmillot, der den Pastoralraum Saint Gilles – Clos du Doubs leitet, nach dem Gottesdienst gegenüber «Kirche heute». Als seine Grossmutter, Jahrgang 1905, im Alter von sieben Jahren in die Schule gekommen sei, hätten alle Kinder in der Klasse nur Patois gesprochen. Doch in der damaligen bernischen Schule sei Patois streng verboten gewesen. Ausschliesslich Französisch musste gesprochen werden – und wem dennoch ein Patoiswort herausrutschte, habe eins auf die Finger gekriegt. «Weil die Berner kein Patois verstanden, konnten sie nicht kontrollieren, was gesprochen wurde», erklärte Charmillot, «und das duldeten sie nicht.»

Patois war also auch ein Streitpunkt im Konflikt der Jurassier mit dem Kanton Bern. Doch die Patois wurden in der ganzen Westschweiz ebenso verdrängt wie in Bern: Auch in den welschen Kantonen war in der Schule seit dem 19. Jahrhundert ausschliesslich Französisch erlaubt. Mit der Folge, dass die noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts in weiten Teilen des Volkes als familiäre und dörfliche Umgangssprache verwendeten Patois heute nur noch von wenigen Prozent gesprochen werden. Seit dem Zweiten Weltkrieg kümmern sich vorwiegend Liebhabervereine um die Pflege der Mundart.

Auffällig ist, dass die Reste der Patois sich in den katholischen Kantonen finden: Unterwallis, Fribourg und Jura, hier besonders in der Ajoie. Der Kanton Jura ist der einzige, der in seiner 1977 angenommenen Verfassung Staat und Gemeinden zum Erhalt des Patois verpflichtet.

Einmal pro Jahr Messe in Patois

Es gebe nur noch zwei oder drei Priester, die eine Messe in Patois halten könnten, erklärte uns Diakon Charmillot. Der 77-jährige Jacques Oeuvray, der aus dem Bauerndorf Coeuve bei Pruntrut stammt und von 1992 bis 2012 Domherr des Kantons Jura im Domkapitel des Bistums Basel war, sei zurzeit der einzige, der das auch tue. Einmal im Jahr finde ein solcher Gottesdienst mit dem Chor der Patoisaints d’Aîdjoûe èt di Chôs di Doubs in Patois statt, abwechselnd in verschiedenen Gemeinden der Region.

Dieses Jahr also in der Stiftskirche von St-Ursanne, wo die Gebeine des hl. Ursicinus im grossen Sarkophag im Chor liegen. Was hätte der heilige Eremit wohl verstanden, wenn er seine Nachfahren 1400 Jahre nach seinem Tod in ihrer alten Mundart den Glauben bekennen und Loblieder hätte singen hören?

Christian von Arx

 

Blick von oben auf die Stiftskirche von St-Ursanne (älteste Teile aus dem 12. Jahrhundert), den Kreuzgang (um 1380) und das neue Lapidarium (unten links), das 1981/82 am Standort und in der Form der ehemaligen Pfarrkirche St-Pierre rekonstruiert wurde. | © Christian von Arx
Blick von oben auf die Stiftskirche von St-Ursanne (älteste Teile aus dem 12. Jahrhundert), den Kreuzgang (um 1380) und das neue Lapidarium (unten links), das 1981/82 am Standort und in der Form der ehemaligen Pfarrkirche St-Pierre rekonstruiert wurde. | © Christian von Arx
Am Felsen oberhalb von Kirche und Stadt befindet sich eine Nische zu Ehren des hl. Ursicinus, der hier als Einsiedler gelebt haben und im Jahr 620 gestorben sein soll. Nach der Legende wurde der Eremit von einem Bären mit Nahrung versorgt. | © Christian von Arx
Am Felsen oberhalb von Kirche und Stadt befindet sich eine Nische zu Ehren des hl. Ursicinus, der hier als Einsiedler gelebt haben und im Jahr 620 gestorben sein soll. Nach der Legende wurde der Eremit von einem Bären mit Nahrung versorgt. | © Christian von Arx