Die am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörte und 2004 neu erbaute Altstadtbrücke über die Neisse verbindet den deutschen und polnischen Teil von Görlitz/Zgorzelec. Die Heilige Hedwig wird als Heilige der Versöhnung zwischen Deutschland und Polen verehrt. | wikimedia/Mylius
01.10.2020 – Impuls

 

Brief an die Galater 7,9

Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun; denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist.            

Einheitsübersetzung 2016

 

Eine heilige Kämpferin als Brückenbauerin und Kraftquelle

Wenn ich den seltenen Namen Hedwig höre, denke ich immer an die Kollegin meiner Ausbildung in Deutschland: Sie hat wilde rote Haare und war nie verlegen, ihre Meinung zu sagen. Diese Hedwig hatte etwas Kämpferisches und Ehrliches an sich.

Hedwig kam mir in den Sinn, als ich über das Leben der Heiligen Hedwig von Schlesien gelesen habe. Ihre Lebensstationen sind der Ammersee in Bayern und, durch ihre Heirat mit Herzog Heinrich, Schlesien. Wenn ich diesem Leben nachgehe, sehe ich den wunderschönen bayerischen Ammersee – ihre Heimat. In Schlesien, im heutigen Polen, machte ich mal Ferien und wurde krank. In Berlin in der berühmten Sankt-Hedwigs-Kathedrale, wo ihre Reliquien aufbewahrt werden, verbrachte ich Stunden in der Zeit des Kalten Krieges. Sie war für mich wie ein Schiff der Ruhe in grauen Ostberliner Zeiten.

So gehen wir den Eindrücken über Menschen nach, die wir nicht kennen. Wir haben angenehme oder negative Erinnerungen, wenn wir an sie denken. Die Heiligen sind Vorbilder und die grossen Gestalten des Glaubens. Sie geben uns bis heute Kraft und Impulse, unser Leben zu gestalten, vielleicht sogar neu auszurichten.

Die Heilige Hedwig als eine Lichtgestalt und ihr Mann Herzog Heinrich I. setzten sich für die kulturelle Entwicklung von Schlesien ein, vertieften den christlichen Glauben in Schlesien, der noch heute zu spüren ist, und setzten sich für die Armen und Kranken ein. Die Heilige wird mit nackten Füssen und Schuhen in den Händen dargestellt. Trotz grossen persönlichen Verlusten – fünf der sieben Kinder starben früh – gab sie nie auf.

Nach dem gewaltsamen Tod ihres Mannes zog sich Hedwig in ein Zisterzienserinnenkloster zurück. Heute wird die Heilige Hedwig als Heilige der Versöhnung zwischen Deutschland und Polen verehrt. Wer sich mit der Geschichte Schlesiens befasst, weiss, dass sich dort allein schon im Zweiten Weltkrieg ungeheure Tragödien abspielten. Die Heilige Hedwig wurde nach dem letzten Krieg zur Symbolgestalt der verlorenen Heimat der Vertriebenen. Sie hat für die evangelische und katholische Kirche in der Region eine grosse Bedeutung.

In ruhigen Stunden zeichnen wir manchmal das eigene Leben nach. Manchmal in grossen Zügen und manchmal bleiben wir in einzelnen Erlebnissen hängen. Es stellt sich vielleicht die Frage, was wir aus dem eigenen Leben gemacht haben oder noch machen möchten. Manchmal sind sie unsere Kraftquellen. Ich kann die Heiligen wie die Heilige Hedwig bewundern und gleichzeitig suchen nach derjenigen, die ich wirklich bin und noch werden darf. Wir sind nicht mit uns «fertig». Unser Bild von uns ist noch nicht fertig gemalt. Der Gott des Lebens schuf uns nicht als Kopie, sondern als Original, das wir noch werden. Eine Benediktinerin hat mir gestern ein Gebet auf den Weg gegeben:

«Gib uns, dass wir den Weg
zu deinen Gedanken finden,

Tag für Tag und Stunde für Stunde.

Lass uns nach und nach werden,
wofür du uns schufest.

Gib uns deinen Blick,
stell uns an deine Seite,

mach uns gelehrig deinem Wort,

das das ganze Leben erhellt und verwandelt.»

L.-J. Kardinal Suenens

 

Anna-Marie Fürst, Theologin, arbeitet in der Gefängnisseelsorge Basel-Stadt