Aus dem Freskenzyklus im Kloster Tor de’ Specchi (Rom): Nach ihrem Tod wird der Leichnam von Francesca in die Kirche S. Maria Nuova überführt, ­begleitet von ihren Schwestern und viel Volk. In der Mitte im weissen Gewand ein Benediktinermönch von Monte Oliveto. | © Proprietà riservata al Monastero Tor de’ Specchi
07.03.2019 – Impuls

Sprichwörter 31

Eine tüchtige Frau, wer findet sie? Sie übertrifft alle Perlen an Wert. Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie, und es fehlt ihm nicht an Gewinn. Sie tut ihm Gutes und nichts Böses alle Tage ihres Lebens. Sie sorgt für Wolle und Flachs und arbeitet voll Lust mit ihren Händen … Sie öffnet ihre Hand für den Bedürftigen und reicht ihre Hände dem Armen … eine Frau, die den Herrn fürchtet, sie allein soll man rühmen.

Einheitsübersetzung 2016

 

Eine Frau mit Weitblick und Tiefgang

Einmal im Jahr schreibe ich meiner gleichaltrigen, in Genf lebenden Cousine eine Karte. Sie heisst Françoise und hat am 9. März Namenstag. Es ist der Tag der heiligen Franziska von Rom, Francesca Romana.

Als ich in Rom studierte, gewann ich diese Frau lieb, eine Zuneigung, die sich im Laufe der Jahre mit wachsender Hochachtung verband. Francesca gehört zu Rom wie Romulus und Remus, wie das Kolosseum und der heilige Petrus. Sie lebte mitten in der Stadt, am Fuss des Kapitolhügels. In der nahegelegenen Kirche Maria Nova fand sie Kontakt zu einem Konvent von Benediktinermönchen. Hier gründete sie 1421 eine Gruppe von sogenannten Oblatinnen. Das waren Frauen, die in ihrem gewohnten Umfeld lebten, wohnten und wirkten, gleichzeitig aus der Klosterregel des heiligen Benedikts geistliche Nahrung und Orientierung bezogen. Mit diesen Frauen widmete sich Francesca dem Dienst an den Kranken, Armen, Obdachlosen, Verwahrlosten. Von denen gab es in Rom damals unzählige, war doch die Stadt infolge von Kriegen, Hungersnöten und Seuchen und ständigen Rivalitäten zwischen Päpsten und Gegenpäpsten arg heruntergewirtschaftet, regelrecht verödet. Daneben trug Francesca, von deren sechs Kindern nur ein Sohn das Erwachsenenalter erreichte, die Verantwortung für ihr herrschaftliches Haushaltwesen. Dazu gehörten eine aufwendige Logistik, Personalführung und Vorratshaltung, Gebäudeunterhalt und Finanzplanung.

Nach dem Tod des Gatten richtete sie in ihrem Palazzo zusammen mit andern Oblatinnen ein klösterliches Leben ein und widmete sich weitherum der Liebestätigkeit. Zu ihrer Zeit war das höchst ungewohnt, ja ungehörig, denn fromme Frauen gehörten nach landläufiger Meinung hinter Klostermauern! Doch dieses Frauenbild und Frauenideal war schon damals altbacken und antiquiert, geprägt von patriarchalen Denkmustern. Stattdessen nahm sich Francesca «die tüchtige Frau» zum Vorbild, von der das Alte Testament spricht. Ihr Ideal ist nicht die perfekte Hausfrau, ihr Revier geht weit über «Kinder, Küche, Kirche» hinaus. Das war schon damals nicht mehr zeitgemäss. Nur dauerte es sehr, sehr lange, bis die kirchliche Obrigkeit das begriffen hat. Die himmelschreiende Not, das hilflose Leiden der Menschen vor der Haustür waren ein Appell Gottes, auf den tüchtige Frauen wie Francesca Romana gläubig und glaubwürdig antworteten mit unmittelbarer, gut organisierter Hilfsbereitschaft!

Ein Freskenzyklus, der das römische Stadtkloster Tor de’ Specchi schmückt, hält viele Episoden aus ihrem Leben fest. Die Bilder erinnern an die grosse Verehrung und das kindliche Zutrauen, das die Menschen im damaligen Rom Francesca entgegenbrachten; tröstend, heilend und oft Wunder wirkend war sie den Menschen nahe. Darüber hinaus erzählen die Fresken von den geistlichen Erfahrungen und vom Einblick in überirdische Wahrheiten, die ihr zuteil wurden, auch von ihrem vertrauten Umgang mit dem Schutzengel, dem sie sich tief verbunden fühlte.

Francesca, eine gereifte, lebenserfahrene Witwe, stand mit beiden Beinen auf dem Boden der harten Realität, war daheim in den Sphären des Geistes und bestens vertraut mit den Angelegenheiten des Herzens, öffnete ihre Hände den Armen und Hilflosen und richtete gleichzeitig die Antennen ihrer Seele himmelwärts. Eine tüchtige Frau, die ihre Ausstrahlung bewahrt hat bis heute.

Peter von Sury, Abt des Benediktinerklosters Mariastein