Konstanz und Bodensee: Panorama vom Münster, ganz rechts das Konzilsgebäude. | © Wladylsaw Sojka/wikimedia
12.11.2020 – Impuls

Jesus Sirach 44,1–15

Die ehrwürdigen Männer will ich preisen, unsere Väter, wie sie aufeinander folgten … die Rat erteilten durch ihre Einsicht, die prophetisch alle Dinge erschauten; Fürsten des Volkes wegen ihrer Klugheit … Sie alle waren geehrt zu ihrer Zeit, und ihr Ruhm blühte in ihren Tagen … die ehrwürdigen Männer, deren Hoffnung nicht vergeht … ihr Name lebt fort von Geschlecht zu Geschlecht. Von ihrer Weisheit erzählt die Gemeinde, ihr Lob verkündet das versammelte Volk.

Einheitsübersetzung 1980

 

Eine ehrwürdige Geschichte, die uns angeht

Wenn Sie von Konstanz reden hören, woran denken Sie? Eine Stadt am Bodensee, die merkwürdigerweise nicht zur Schweiz gehört, obwohl sie doch auf der Schweizer Seite des Sees liegt. Für Deutschland eine Randerscheinung, für die Schweiz von geringem Interesse. Läge unmittelbar daneben nicht das thurgauische Kreuzlingen, Konstanz wäre wohl ein weisser Fleck auf der Landkarte. Vielleicht haben wir einmal von einem «Konzil von Konstanz» gehört. Doch das sind 600 Jahre her, wen soll das interessieren?

Jetzt noch das: Konrad und Gebhard, zwei heilige Bischöfe von Konstanz! Ja, die gab es tatsächlich. Denn vor über tausend Jahren residierten in Konstanz bedeutende Bischöfe und leiteten selbstbewusst und segensreich die im Mittelalter ausgedehnteste Diözese der Christenheit. «Ihr Name lebt fort von Geschlecht zu Geschlecht, ihr Lob verkündet das versammelte Volk.»

Das Bistum Konstanz reichte vom Urnerland bis nach Stuttgart, von Kempten im Osten bis an die Aare im Westen. Die Bischofsstadt Konstanz, im Herzen Europas gelegen, war mit der Gegend rund um den Bodensee Mittelpunkt einer blühenden Kloster- und Kulturlandschaft. Weite Teile der heutigen Deutschschweiz gehörten zu dem Kirchensprengel. Während die Kirche Roms im 10. Jahrhundert wegen korrupter und skrupelloser Päpste düsterste Zeiten durchlitt – das saeculum obscurum – erlebte die Kirche nördlich der Alpen und andernorts, in erstaunlicher Ungleichzeitigkeit, eine beeindruckende Blüte, unter anderem dank der Förderung durch die Könige und Kaiser der Ottonen. Konrad, ein Freund des Bischofs Ulrich von Augsburg, weihte im Jahr 948 die erste Kirche des Klosters Einsiedeln, ein mirakulöses Ereignis, das bis heute weiterlebt in der «Engelweihe» am 14. September. Über 40 Jahre wirkte Konrad als Bischof seines ausgedehnten Bistums und wurde zu einem jener «ehrwürdigen Männer, deren Hoffnung nicht vergeht».

Doch wie kläglich endeten diese Männer, diese Hoffnung, dieses Bistum und seine ehrwürdige Geschichte! Nach den revolutionären Wirren und napoleonischen Kriegen im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert mussten die kirchlichen Strukturen den neuen nationalstaatlichen Grenzen angepasst werden. Das «supranationale» Bistum Konstanz war wie aus der Zeit gefallen und geriet zwischen alle Fronten. Mit der Folge, dass im Sommer 1821 Papst Pius VII. die Bistumsgrenzen komplett neu ordnete, was zur Liquidierung des Bistums Konstanz führte; es verschwand von der kirchlichen Landkarte. Der heilige Konrad wurde immerhin Patron des Erzbistums Freiburg im Breisgau, das aus den rechtsrheinischen Territorien des Konstanzer Bistumsgebietes erstand, während die in der Schweiz gelegenen Gebiete, teilweise nur provisorisch, den Bistümern Chur und Basel zugeschlagen wurden oder als Bistum St. Gallen zur Selbstständigkeit gelangten.

Die Ausradierung des Bistums Konstanz vor 200 Jahren führte in unserm Land zu einer unglücklichen Bistumseinteilung, die nachwirkt wie eine schmerzende Wunde am Leibe Christi, in unserer Kirche. Das lässt sich ablesen an den Streitigkeiten und Spannungen im Bistum Chur oder an der bizarren Zusammensetzung des Bistums Basel. Wer getraut sich, darüber eine Diskussion anzustos­sen? Wer vermag sachte eine heilende Wendung einzufädeln? Wer erschaut prophetisch die Zeichen der Zeit? Vielleicht kann die Erinnerung an die ehrwürdigen Konstanzer Bischöfe Konrad und Gebhard das Herz öffnen für ein tieferes Verständnis der Gegenwart und den Blick weiten für die Zukunft.

Peter von Sury, Abt des Benediktinerklosters Mariastein