Taufregisterauszug aus dem Jahr 1565. Im zweiten und vierten Eintrag von oben erscheint der Jurist und Archäologe Basilius Amerbach als Götti. Vierter Eintrag = Taufe des Jakobus Brandmüller, Sohn des Kirchendieners Johannes Brandmüller. | © The British Library, London (Egerton MS 1927: Folio 154v)
23.08.2018 – Hintergrund

Einblick in die bewegte Basler Stadtgeschichte

Kopien der Taufregister machen Leben im frühneuzeitlichen Basel greifbar

Die ältesten erhaltenen Taufbücher im deutschsprachigen Raum sind zurück in Basel – wenn auch nur als Kopien. Die 1700 Seiten geben ein eindrückliches Bild, wie über Jahrhunderte geboren und gestorben wurde.

«Ein herausragendes und ausserordentliches Ereignis.» Urs Pfander, Präsident der reformierten Kirchgemeinde Kleinbasel, ist begeistert, dass die Taufbücher von St. Theodor ihren Weg zurück in die Kirche, an ihren Entstehungsort, gefunden haben. Wenn auch als Kopien: Die Taufregister wurden im 19. Jahrhundert aus dem Nachlass des Pfarrhelfers Johann Jakob von Brunn nach England verkauft. Die Originale befinden sich noch heute in der British Library in London. Mehrere Versuche, auch des Bundesrates, die Taufbücher nach Basel zurückzuholen, scheiterten. «Die hochwertigen Kopien sind ein würdiger Ersatz, die Fülle an Informationen bleibt ja die gleiche», meint Andreas Nidecker, Mitinitiant des Projekts.

Vor Kurzem stellten Pfander und Nidecker zusammen mit Philipp Roth, Pfarrer in der Kirche St. Theodor, sowie der Kulturhistorikerin Barbara Piatti und Staatsarchivarin Esther Baur den Schatz dem Publikum vor.

Die Taufbücher gewähren Einblick in eine bewegte Basler Stadtgeschichte. Und das über rund 250 Jahre, auf 1700 Seiten, in zwei Bänden. Das weltliche und religiöse Leben im frühneuzeitlichen Basel wird greifbar: Zur Zeit der Reformation war Basel mit 10 000 Einwohnern doppelt so gross wie Zürich und Bern. Der Buchdruck und die 1460 gegründete Universität zogen viele in die Stadt am Rhein. Auch Erasmus von Rotterdam liess sich hier nieder. Der Leutpriester von St. Theodor, Johann Ulrich Surgant, legte ab 1490 eines der Taufbücher an. Nach der Reformation von 1529 gehörte es zur Pflicht der Geistlichkeit, die Register zu führen.

Ein Familienanliegen

Für Andreas Nidecker sind die Taufbücher Familiensache: Schon sein Vater Hans-Jakob Nidecker, Meister der Kleinbasler Ehrengesellschaft zum Rebhaus, versuchte, die Taufbücher bei der British Library auszulösen. Erst 2015 konnten die Basler die Taufbücher dank dem «Goodwill» der Bibliothek als Kopien erwerben. Zu «relativ günstigen Konditionen», schmunzelt Nidecker. Die hochwertigen Digitalisate sollten nicht einfach hinter Glas verschwinden. Dies ist gelungen: In Form einer fahrbaren Vitrine mit interaktiven Zusatzinformationen.

Zum Leben erweckt

Für die Kulturhistorikerin Barbara Piatti waren die Taufbücher anfangs «ein Buch mit sieben Siegeln». Doch die Register zogen sie bald in ihren Bann. Sie entlockte ihnen kultur- und bevölkerungsgeschichtliche Informationen. 1638 etwa war eines der «Spi­tzen­jahre»bei den Geburten, weil in den Wirren des Dreissigjährigen Kriegs viele Frauen aus Baden oder dem Elsass nach Basel flüchteten. «Die Taufbücher erwachten zum Leben», schwärmt Piatti.

Auch emotional spricht der kulturgeschichtliche Schatz an: Kindstode und Nottaufen – daran lässt sich der gänzlich andere Umgang der frühneuzeitlichen Gesellschaft mit Kindersterblichkeit und Höllenvorstellungen erkennen. Die Angst, ungetaufte Kinder würden in die Vorhölle kommen, war so gross, dass tote Säuglinge durch Erwärmung nochmals «erweckt», rasch getauft und so in heiliger Erde bestattet werden konnten.

Berühmte Persönlichkeiten

In den Taufregistern macht man auch freudige Entdeckungen: So zum Beispiel die Erwähnung der berühmten Basler Familie Amerbach. Der Jurist Basilius Amerbach baute im 16. Jahrhundert ein Kunstkabinett auf, das bis heute den Grundstock des Kunstmuseums Basel bildet. In den Taufbüchern taucht er öfters als «Götti» auf. Matthäus Merian, der Schöpfer des berühmten Basler Vogelschau-Plans, ist eine weitere Basler Persönlichkeit, der man begegnet. «Diese öffentlichen Personen prägten Basel mit ihrem Intellekt und Beziehungsnetz», sagt die Basler Staatsarchivarin Esther Baur. Laut Baur haben die Taufbücher von St. Theodor einen ungemeinen Wert für Basel und den gesamten deutschsprachigen Raum. Sie seien ein Schlüssel, der «schnurstracks in den dynamisch-städtischen Raum Basels» führe.

Die Vitrine mit den Taufbüchern in der St. Theodorskirche in Basel ist im Anschluss an Gottesdienste und Veranstaltungen sowie mittwochs von 12 bis 18 Uhr zu besichtigen. Führungen auf Anfrage.

Noemi Schürmann, Kirchenbote

 

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