Die von einem vergoldeten Schweizerkreuz gekrönte Kuppel des Bundeshauses in Bern: Hier fallen wichtige politische Entscheide. | © wikimedia, Nikolai Karaneschev
24.01.2019 – Aktuell

Ein neuer Thinktank gibt zu denken

Kirchen sollen sich aus politischen Debatten heraushalten, findet der Thinktank «Kirche/Politik»

CVP-Präsident Gerhard Pfister und die FDP-Politikerin und Theologin Béatrice Acklin Zimmermann weisen der Kirche ihren Platz zu: Kirchen sollen sich auf ihr ethisches Kerngeschäft beschränken und sich in politischen Fragen zurückhalten. Der von Pfister und Acklin Zimmermann gegründete Thinktank «Kirche/Politik» hat kontroverse Reaktionen ausgelöst.

 

«CVP-Chef will Kirchen politisch zurückbinden»: Mit dieser Schlagzeile auf der Frontseite berichtete der «TagesAnzeiger» am 7. Januar von einem Thinktank, den Gerhard Pfister, Präsident der CVP Schweiz und Nationalrat, und Gleichgesinnte gegründet haben. Kirchen sollen sich auf ihr Wertereservoir und ethisches Basiswissen besinnen und darauf verzichten, sich ins politische Tagesgeschäft einzumischen – das ist das Anliegen des Thinktanks «Kirche/Politik».

Aktivitäten hat das neugegründete Gremium noch nicht entfaltet, doch die Aussagen einzelner Vertreter haben bereits für eine breite Debatte gesorgt. Hart ins Gericht mit dem Thinktank und besonders mit Nationalrat Pfister geht der Journalist und Blogger Hugo Stamm in einem Beitrag auf dem Online-Portal «Watson»: Man reibe sich die Augen, was in den CVP-Präsidenten gefahren sei, «die Kirchen im Wahlkampfjahr an die Kandare» zu nehmen. Hellhörig macht den als kirchenkritisch bekannten Journalisten aber auch die «Kampfrhetorik» von Pfister, wenn der davon spricht, dass sich die Schweiz einem Gottesstaat nähere, wenn Politik und Religion nicht getrennt würden.

Ähnlich scharfe Worte findet auch der Kapuziner und kath.ch-Blogger Walter Ludin: Er vermutet, dass Pfister vonseiten der Kirche nur grundsätzliche ethische Stellungnahmen hören möchte. «Doch als Intellektueller müsste er es wissen: Die Wahrheit ist konkret», hält Walter Ludin dem CVP-Präsidenten entgegen und nennt auch gleich ein Beispiel: «‹Für den Frieden› sind alle. Was aber ist mit der konkreten Frage, ob die Schweiz Waffen in Bürgerkriegsländer ausführen darf?» Lobend hebt der Kapuziner hervor, dass sich mit Felix Gmür und Markus Büchel bereits zwei Bischöfe gegen den «Maulkorb» ausgesprochen hätten.

Nicole Freudiger, Journalistin bei Schweizer Radio und Fernsehen SRF, äussert sich in ihrer Analyse zur Bedeutung politischer Stellungnahmen von Kirchenvertretern: «In einer Zeit, in der immer weniger Leute die Gottesdienste besuchen, in der die Bedeutung der Landeskirchen abnimmt, muss sich die Kirche Gehör verschaffen.» Wenn sie relevant bleiben wolle, müsse sie gera­dezu Stellung beziehen: «Sie muss zeigen, dass sie in der Gesellschaft noch etwas zu ­sagen hat.» Doch die Radiojournalistin macht auch deutlich, dass Kirchenleute abwägen müssten, wann sie sich äussern. Denn wenn das zu oft geschehe, berge dies die Gefahr, «in der Kakophonie der Meinungen unterzugehen».

Regula Vogt-Kohler/kath.ch