Zeitgenössische Darstellung des Ersten Vatikanischen Konzils im Petersdom (Künstler unbekannt). | © wikimedia
09.01.2020 – Aktuell

Ein Konzil mit gravierenden Folgen in der Schweiz

Vor 150 Jahren erhob das Erste Vatikanische Konzil die Unfehlbarkeit zum Dogma

Es war die bis dahin grösste Kirchenversammlung aller Zeiten. 774 Kardinäle und Bischöfe der Weltkirche nahmen am Ersten Vatikanischen Konzil teil, das am 8. Dezember 1869, vor 150 Jahren, eröffnet wurde. Schon nach acht Monaten wurde das Konzil wegen politischer Wirren auf unbestimmte Zeit vertagt – und nie wieder zusammengerufen.

 

Über 300 Jahre, seit Trient (1545–1563), hatte kein Allgemeines Konzil mehr getagt. Nun sollte ein neues Konzil in Rom die katholische Welt zu einer machtvollen «Manifestation der Wahrheit» versammeln und angesichts der «Irrtümer der Zeit» die kirchliche Lehre neu bekräftigen. Bereits 1864 hatte Pius IX. im sogenannten Syllabus errorum diese «Irrtümer» verurteilt.

Das Konzil tagte im rechten Querhaus des Petersdoms. Die Akustik war miserabel. Praktisch nur die jüngeren Konzilsväter konnten den meist in schleppendem Kirchenlatein vorgetragenen Interventionen problemlos folgen.

In der Sitzung vom April 1870 wurde die dogmatische Konstitution «Dei filius» über die Lehre von Schöpfung und Glaubensakt sowie über das Verhältnis von menschlicher Vernunft und göttlicher Offenbarung verabschiedet. Auch verurteilte das Konzil Atheismus, Materialismus, Pantheismus, Rationalismus und Traditionalismus.

Der Papst als höchste Rechtsgewalt

Doch nun erwarteten die Konzilsväter mit Spannung die Debatte über den Papstprimat – also über den Papst als höchste Rechtsgewalt (Jurisdiktionsprimat) und als höchste Lehrvollmacht, wenn er Entscheidungen zu Lehr- und Moralfragen «ex cathedra» als unfehlbar verkündet. Eine beachtliche Minderheit, darunter 15 der 20 deutschen Bischöfe, äusserte Bedenken. Eine solche Definition würde dem Missbrauch des kirchlichen Lehramts Tür und Tor öffnen, so der Tenor.

In der Konzilsaula zeichnete sich eine Spaltung der Bischöfe ab: Eine den Ausbau des päpstlichen Primats favorisierende Mehrheit stand einer Minderheit gegenüber, die eine Öffnung zur Welt befürwortete. Unter den Schweizer Bischöfen gehörten Joseph Franz Xaver de Preux von Sitten und Gaspard Mermillod, apostolischer Vikar von Genf, zur Mehrheit, ebenso der gemässigte Eugène Lachat von Basel. Carl Johann Greith von St. Gallen hielt sich gemäss Conzemius als angesehener Sprecher der oppositionellen Minderheit zurück.

Unwetter, Krieg und Abreise

In der Vorbereitungssitzung stimmten von 601 anwesenden Konzilsvätern 451 mit Ja, 88 mit Nein; 62 verlangten Änderungen. Nachdem ein letzter Vermittlungsversuch der Kritiker bei Pius IX. gescheitert war, reisten 57 von ihnen vorzeitig ab – um nicht in Anwesenheit des Papstes gegen die Dogmatisierung stimmen zu müssen. So erhielt die Konstitution «Pastor aeternus» bei der Verabschiedung am 18. Juli 1870 lediglich zwei Gegenstimmen. Ehrenhaft und treu – oder feige?

Während der Sitzung ging ein schreckliches Unwetter mit Blitz und Donner über Rom nieder. Ein Zeichen vom Himmel? In der Basilika war es mitten im Juli so dunkel, dass der Text der Konstitution nur mit Hilfe von Kerzenleuchtern verlesen werden konnte. Kardinäle und Bischöfe waren durchnässt, der Boden der Aula lehmverschmiert.

Und das Drama ging weiter: Tags darauf, am 19. Juli 1870, begann der Deutsch-Französische Krieg. Die meisten Bischöfe reisten ab, das Konzil wurde unterbrochen. Der französische Kaiser Napoleon III. zog seine zum Schutz des Papstes in Rom gelassenen Truppen ab. Am 20. September wurde Rom von den piemontesischen Truppen eingenommen; der Kirchenstaat hörte auf zu bestehen und wurde ins Königreich Italien integriert. Schliesslich vertagte Pius IX. das Konzil «sine die» – also auf unbestimmte Zeit.

Einer nach dem anderen akzeptierten auch die kritischen Bischöfe die Entscheidung des Konzils. So ging das Papsttum trotz des gleichzeitigen Verlusts seiner weltlichen Macht gestärkt aus dem Konzil hervor. Rom wurde mehr und mehr zum Ankerpunkt der Weltkirche.

Abspaltung der Christkatholiken

Der Entscheidung zugunsten der päpstlichen Unfehlbarkeit folgte aber auch ein Exodus vieler Intellektueller. Aus dieser Protesthaltung entstand im deutschsprachigen Raum die von Rom abgelöste Altkatholische Kirche. In der Schweiz konstituierte sich 1875 in Olten die Synode der Christkatholiken und setzte eine neue Kirchenverfassung in Kraft. 1876 wählte die Synode den Pfarrer Eduard Herzog zum Bischof, der in Rheinfelden durch den deutschen altkatholischen Bischof konsekriert wurde. Im gleichen Jahr erhielt das christkatholische Nationalbistum die Genehmigung durch den Bundesrat.

Übrigens hat nur ein Papst seither von einer Ex-cathedra-Entscheidung Gebrauch gemacht: Pius XII., als er 1950 das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel verkündete. Kritische Katholiken fragen gleichwohl: War es das Zerwürfnis mit der Aufklärung wert?

Johannes Schidelko und Alexander Brüggemann, kna/kh