So präsentierte der Verlag Fayard am 15. Januar das Buch «Des profondeurs de nos coeurs». | © Screenshot
21.01.2020 – Aktuell

Der emeritierte Papst schreibt zum Zölibat und verursacht Wirbel

Kontroverse um Buch mit Beiträgen von Kurienkardinal Robert Sarah und Benedikt XVI.

Während die Weltkirche auf das nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus zur Amazonassynode wartet, hat sich sein Vorgänger in einem Buch zu Priestertum und Zölibat geäussert. Dass sich der emeritierte Papst zur heiss diskutierten Zölibatsfrage zu Wort meldet, hat ein weltweites Echo ausgelöst.

In seiner letzten Rede als amtierender Papst Benedikt XVI. kündigte Joseph Ratzinger am 28. Februar 2013 an, er wolle «verborgen vor der Welt leben» und sich dem Gebet widmen. Dem künftigen Papst verspreche er seinen bedingungslosen Gehorsam und Ehrfurcht, sagte er beim Abschied von den Kardinälen. Als Verpflichtung zum Schweigen scheint er dies nicht verstanden zu haben.

Meldung geht um die Welt

Seine jüngste Wortmeldung hat ab 13. Januar für einen riesigen Wirbel gesorgt. Die Meldung, dass er in einem Buch das Pflichtzölibat verteidige, ging um die ganze Welt. Er habe sein Schweigen gebrochen und ein kontroverses Buch veröffentlicht, hiess es auf dem neuseeländischen Nachrichtenportal stuff.co.nz. Der Beitrag macht auch auf das spezielle Timing der Publikation aufmerksam. Das Sprengkraft enthaltende Buch erscheine genau in jenem Moment, da Papst Franziskus abwäge, ob er die Weihe von verheirateten Männern erlauben solle, um dem Priestermangel zu begegnen. Das nachsynodale Schreiben zur Amazonassynode war ursprünglich auf Ende 2019 erwartet worden, liegt aber noch nicht vor.

Zum Buch, das unter dem Titel «Des profondeurs de nos cœurs» am 15. Januar in Frankreich erschienen ist, hat Benedikt nur einen kleinen Teil beigesteuert. Der Hauptteil stammt von Kurienkardinal Robert Sarah, dem Leiter der Kongregation für Liturgie. Sarah hatte vor der Amazonassynode die Befürchtung geäussert, dass einige «Westler» die Synode benutzen würden, eigene Interessen zu verfolgen. Dabei denke er besonders an die Weihe verheirateter Männer, die Schaffung von Ämtern für Frauen oder die Übertragung von Kompetenzen an Laien.

Co-Autor oder nicht?

Wirbel gab es nicht nur um das Buch als solches, sondern auch um die Frage, ob der emeritierte Papst seinen Beitrag tatsächlich selbst verfasst habe. So kam es, dass sich am 14. Januar Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein mit einer Klarstellung einschaltete. Der Erzbischof hielt dabei fest, dass Benedikt einer Publikation als Co-Autor mit Foto auf dem Cover nicht zugestimmt habe und zudem nicht Mitverfasser von Einleitung und Schlussfolgerung sei. Der Beitrag im Innenteil hingegen sei zu 100 Prozent Benedikt, bestätigte Gänswein.

Per Telefon forderte Gänswein den Kurienkardinal dazu auf, beim Verlag dafür zu sorgen, dass das Buch nicht mit Benedikt als Co-Autor und Mitverfasser von Einleitung und Schlusswort erscheinen zu lassen. Kardinal Sarah jedoch hielt an seiner Version fest, wonach er Benedikt am 19. November 2019 das gesamte Manuskript inklusive Buchdeckel sowie gemeinsame Einleitung und Schlussfolgerung zugeschickt habe. Benedikt habe am 25. November mitgeteilt, er sei seinerseits damit einverstanden, dass der Text in der von Sarah vorgesehenen Form erscheine. Dies legte er in einem Communiqué, das am 14. Januar auf der Homepage des französischen Verlags Editions Fayard erschienen ist, dar.

Zu seiner Entlastung hatte Sarah auf Twitter drei Schreiben von Benedikt vorgelegt. Einem dieser Briefe ist zu entnehmen, dass sich der emeritierte Papst seiner schwindenden Fähigkeiten sehr bewusst ist. Er sei nicht mehr in der Lage, einen theologischen Text zu verfassen, schrieb er unter anderem. Dies habe er beim Niederschreiben von Gedanken zum Priesteramt immer stärker gespürt. Trotz seiner eigenen Vorbehalte stellte er die Notizen Sarah zur Verfügung.

Eine Provokation

Dies hätte er bleiben lassen sollen, lautete der Tenor in den Medien. Besonders harsch fielen die Reaktionen im deutschen Raum aus. Christoph Strack, Kirchenexperte des Auslandsenders Deutsche Welle, sieht es so: «Im besseren Fall wird Ratzinger instrumentalisiert von ihm nahe stehenden Personen, zu denen – neben anderen – Erzbischof Georg Gänswein gehört. Im schlechteren Fall fährt der 92-Jährige einen bewussten Kurs gegen seinen Nachfolger.» Und ein Zwischentitel des Kommentars von Raoul Löbbert auf zeit.de lautet «Es ist eine Provokation». Die Öffnung des Zölibats sei für Sarah und Benedikt undenkbar. Dazu heisse es im Buch: Wer anderes behaupte, verbreite «abwegige Einlassung, Theatralik, diabolische Lügen und im Modetrend liegende Irrtümer». Damit sei die breite Mehrheit nicht nur der Bischöfe in Deutschland, sondern in weiten Teilen der Welt gemeint – und vor allem der amtierende Papst.

Die deutsche Fassung des umstrittenen Buches soll am 21. Februar im fe-Medienverlag in Kisslegg erscheinen. Als Autor ist einzig der auch auf dem Titelbild zu sehende Kardinal Sarah angegeben. Neben dessen Foto findet sich der Zusatz «Mit einem Beitrag von Benedikt XVI.». Der französische Verlag Fayard hat für die erste Auflage an der ursprünglichen Form mit Benedikt als Co-Autor mit Foto auf dem Cover festgehalten. In der nächsten Auflage werde jedoch der Titel geändert, sagte eine Sprecherin des Verlags gegenüber katholisch.de. Zudem werde darauf hingewiesen, dass Einleitung und Schlussteil von Sarah geschrieben und von Benedikt gelesen und freigegeben worden seien.

Regula Vogt-Kohler

Den Text von Benedikt findet man in deutscher Originalfassung hier: www.die-tagespost.de