Eugen Drewermann bei seinem Vortrag in der christkatholischen Predigerkirche in Basel| © Christian von Arx
13.09.2018 – Aktuell

«Du bist doch mein Sohn!»

Eugen Drewermann stellte in Basel die Botschaft Jesu ins Zentrum

Drewermann war da: Die christkatholische und die römisch-katholische Kirche Basels ermöglichten einen Vortrag des 78-jährigen Theologen, Psychotherapeuten und Publizisten vor zahlreichem Publikum in der Basler Predigerkirche.

Wer redet da von leeren Kirchen? Wenn Eugen Drewermann spricht, ist die Kirche voll. Bei seinem Besuch am Mittwoch vor Bettag in Basel war es nicht anders. Als der christkatholische Pfarrer Michael Bangert die Begrüssungsworte sprach, reichten auch die zusätzlich herbeigebrachten Stühle nicht für alle, die gekommen waren. Dutzende setzten sich auf Treppenstufen, auf den Boden oder hörten sich den Vortrag auf den Seiten und hinten im Schiff der Predigerkirche stehend an.

«Wie stellt sich die Botschaft Jesu zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen?», hatte der Titel des Anlasses versprochen. Tatsächlich stellte Drewermann, ganz Theologe, die Botschaft Jesu an den Anfang und ins Zentrum. «Das ist das Thema, das mir am wichtigsten ist“, stellte er klar. «Ein jeder braucht sie, ob er sich zum Christentum bekennt oder nicht.»

Jesus habe erkannt, was die Menschen brauchen: Nicht Drohung und nicht Scheidung in Böse und Gerechte. Damals und bis heute sei «Sünde» einfach als Übertretung des Gesetzes verstanden worden, wie in der bürgerlichen Ethik. Drewermann hält es eher mit Kierkegaard, der «Sünde» übersetzt habe mit «Verzweiflung». «Wer in die Herzen der Sünder sehen könnte, würde dort sehen: Leid, Angst, Verletzung, Minderwertigkeitsgefühl.»

Vielfältig sind die Berichte in den Evangelien, in denen sich Jesus, zur Empörung der Priesterschaft, den Sündern zuwendet und sie nicht verurteilt. «Du bist doch mein Sohn!», ist die Haltung, die er vermittelt, und Drewermann verdeutlichte: «Egal was du tust. Ich meine doch dich! Und zwar unbedingt, voraussetzungslos.» Es sei eine grundgütige Stimme, die weder in der Natur noch in der Gesellschaft zu hören sei – nur dort, wo Jesus spreche. Das zu vermitteln sei das erste Anliegen Jesu: «Eine Güte, die wir nicht verdienen können, die einfach da ist.»

Noch und noch bemühte sich Drewermann, die oft fremden Begriffe der Theologensprache zu übersetzen: Mit «erlösen» sei «heilen» gemeint, «Gnade» sei «ein Lichtstrahl aus einer anderen Welt». Gott lasse die Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte. «Wo wohnt Gott?» Drewermanns Antwort lautet: «Gott wohnt da, wo ein Mensch aufgrund seiner Menschlichkeit in die Not eines Menschen hineingeht.»

Kritik an Kapitalismus und Rüstung

Um die versprochenen aktuellen Themen drückte sich Drewermann nicht. Seine Kritik an den Dogmen des kapitalistischen Wirtschaftssystems fiel unerbittlich aus: «Wer Geld verleiht gegen Zins, um sich zu bereichern, der verliert sein Herz», meinte er. Wer dies gutheisse, glaube an die Erbarmungslosigkeit, an den Götzen Mammon. Allzu leicht glaubten wir, wir hätten unser Geld redlich verdient. Aber die Arbeitsfähigkeit, die Gesundheit, sei kein Besitz, kein Anspruch und kein Verdienst, sondern ein Geschenk des Himmels, gab er zu bedenken.

Die Ausgaben für militärische Rüstung haben für Drewermann keine Rechtfertigung. Er sprach sich ohne Umschweife für einseitige Abrüstung als Schritt zum Frieden aus. Von Christus gebe es keine Rechtfertigung für Gewalt – sanftmütig und wehrlos sei er auf einem Esel in Jerusalem eingezogen. «Wir, das ‹christliche Abendland›, wir wollen keinen Frieden», kritisierte der Referent die Militärpräsenz der Nato in vielen Ländern. «Wir müssten Christus mehr glauben als wir es tun.»

Ganz am Schluss seines Vortrags, den der 78-Jährige hoch konzentriert, ohne Pause und völlig frei gehalten hatte, wandte sich Drewermann dem Tod und unserer Angst vor dem Tod zu. Wegweisend sind ihm die letzten Worte Jesu, wie sie das Lukasevangelium überliefert: «Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.» Er ergänzte sie mit einem Gedicht von Rilke, das er aus dem Gedächtnis vortrug: «Der Tod der Geliebten».

Dank für das Wort in der Kirche

Von den Anwesenden erhielt Eugen Drewermann viel Applaus. Er selbst bedankte sich, dass er auf Einladung der christkatholischen und der römisch-katholischen Kirche in der Predigerkirche in Basel sprechen durfte. In Deutschland hat ihm, der Priester und Theologieprofessor war, die Kirche die Lehr- und die Predigtbefugnis entzogen, später ist er aus der Kirche ausgetreten. Seine Stellungnahmen mögen auch Einwände und Widerspruch ausgelöst, aber vielleicht doch die Ahnung geweckt haben, dass wir die Botschaft Jesu selten so ernst nehmen, wie sie gemeint ist.

Christian von Arx