Verschiedene Welten: Europäische Touristen im Gespräch mit dem einheimischen Bootsführer auf dem Titicacasee in Peru. | © Claus Possberg/Latinphoto.org
14.02.2019 – Impuls

JOHANNES 15,1.4–5

«Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer … Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.»

Einheitsübersetzung 2016

 

Dieses Band, das uns alle verbindet

In meinen jungen Jahren durfte ich für das «Konzil der Jugend» Reisen nach Osteuropa machen. Dieses Konzil hatte die Gemeinschaft von Taizé ausgerufen. Da wurde ein Begriff immer wieder genannt: Menschheitsfamilie. Das war für mich ein faszinierender Begriff. So haben viele junge Menschen Reisen in alle Welt unternommen, um auszudrücken, dass wir Menschen zusammengehören.

«Bleibt in mir und ich bleibe in euch.»  Johannes 15,4

In meinem Studium hörte ich den Begriff «Volk Gottes», der im Zweiten Vatikanischen Konzil wichtig war und bleibt. Er begeisterte mich. In einer Studienarbeit deutete ich ihn so, dass damit alle Menschen gemeint seien, eben die Menschheitsfamilie. Doch der Dogmatikprofessor korrigierte mich, dass dieser Begriff nicht alle Juden, Christen und Andersgläubigen dieser Welt umfasse, sondern für die Kirche stehe. Ich war enttäuscht.

Ein Zusammensein in kleiner Runde rief diese Erinnerung kürzlich in mir wach. Wir steckten zu dritt die Köpfe zusammen – es war wohl die «Gnade» jener Stunde: Ein junger Mann aus Marokko war am Tisch. Er ist seit dem 13. Altersjahr ohne Zuhause in Europa unterwegs. Heute ist er 21 Jahre jung. Die Ikone im Kerzenlicht faszinierte ihn. Sein Kopf berührte den oberen Rand der Ikone. Neben mir ein junger Mann im Theologiestudium, 22-jährig, mein Praktikant. Er ist von den Begegnungen mit den Menschen begeistert. Schön, wenn er in die Seelsorge gehen würde. Ich, 64 Jahre alt, sass dem jungen Marokkaner gegenüber. Er erzählte von einer anderen Welt, die wir nicht kennen. Da spürte ich wieder diese Einheit, die alle Menschen miteinander verbindet, wenn wir uns nur darauf einlassen. So unterschiedlich scheinen seine Welten von den unseren: die Welt des Islam, die Flucht über das Mittelmeer, die Rastlosigkeit in Europa ohne Ziel; dazu die Unterschiede der Generationen, der Erfahrungen, der Hoffnungen und der Enttäuschungen über das Leben … Und doch war da eine Einheit, die mich überraschte, die Nähe der Seelen, die Freundlichkeit und Dankbarkeit.

«Bleibt in mir und ich bleibe in euch.»  Johannes 15,4

So schrieb der Hl. Petrus Damiani: «Mag auch die heilige Kirche durch die Verschiedenartigkeit der Menschen auseinander streben, so ist sie doch durch das Feuer des Heiligen Geistes zu einer Einheit zusammengeschweisst … Mag sie auch … in Teile zerfallen, so kann das Mysterium ihrer innersten Einheit … in keiner Weise verletzt werden.»

Dieser Heilige lebte in Einsamkeit in seinem Kloster Fonte Avellana in Mittelitalien. Er war oft unterwegs und vermittelte zwischen den verschiedenen Welten der Macht in Kirche und Politik. Er pendelte zwischen der Liebe zur Einsamkeit und der Teilnahme an den grossen Auseinandersetzungen jener Zeit.

Dieser uns alle verbindende Geist: Es gibt ihn tatsächlich, wenn wir uns nur darauf einlassen. Er ist tiefer als die Enttäuschungen unseres Lebens, als unsere Verschiedenartigkeit. Ja, er ist tiefer als der Frust, tiefer als die Perspektivenlosigkeit. Diese Einheit erfahren wir, wenn wir nicht viel reden, sondern in die Augen des anderen schauen. Was auch immer mein Gegenüber sagt, es gibt mehr als das. Es ist tiefer als unsere Unterschiedlichkeit. Diese Sichtweise entdecken wir, wenn wir uns Zeiten der Stille nehmen. Dann wachsen in uns Dankbarkeit und Freundlichkeit. Wir finden eine Balance zwischen Alleinsein und Miteinandersein, so unterschiedlich wir auch sein mögen. Das Geheimnis ist dieses innere Band zwischen dem Schöpfer und uns, das Band zwischen uns allen.

Anna-Marie Fürst, Theologin, arbeitet in der Gefängnisseelsorge und in der Seelsorge für Menschen mit Behinderung in den Kantonen Aargau, Basel-Stadt und Zug