Kerzen bringen Licht in dunklen Zeiten und öffnen Räume der Hoffnung. | © Rosel Eckstein/pixelio.de
18.11.2021 – Impuls

Römerbrief 5,1–5a

Gerecht gemacht also aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Durch ihn haben wir auch im Glauben den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Mehr noch, wir rühmen uns ebenso der Bedrängnisse; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen.

Einheitsübersetzung 2016

 

Die Hoffnung sagt: Das Ende ist nicht das Ende

Schlimm, diese Story der Katharina von Alexandrien! Horrorfilme gabs im Mittelalter noch nicht, Horrorgeschichten hingegen schon. Die wurden entweder im Religionsunterricht erzählt oder an Kirchenwände gemalt. Der Stoff dieser Geschichte ist klischeehaft wie immer: Reiche, schöne und superkluge Frau wird zerstört von wütendem mächtigen Mann, dem sie sich verweigert. Dabei gibts Nacktszenen, viel Blut und jede Menge Tote, geschätzt an die 200, manche Gerüchteverbreiter übertreiben gern und steigern auf 4000. Das wars.

Wars das? Die Geschichte der Katharina von Alexandrien zeigt ein Muster, nach dem die Beziehungen zwischen Männern und Frauen oft ablaufen, verdeckter vielleicht. Wenns so bleibt und wos so bleibt, ist die Gesellschaft definitiv und endgültig im Niedergang. Für Optimismus bleibt so kein Raum. Die Kirchengeschichte hat aus diesem Opfer allerdings eine Heilige gemacht (oft werden, wie auch hier, Opfern und Tätern neue Identitäten gegeben), eine Märtyrerin, nicht um den Horror irgendwie zu vergolden (oder den selbst angerichteten vergessen zu machen), sondern um der Bosheit der Welt ein anderes Gewicht entgegenzusetzen, die Hoffnung.

Gerne denke ich mit Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, heute ein wenig über Hoffnung nach. Das scheint mir die richtige und notwendige Vorbereitung auf die kommende Adventszeit zu sein. Wenns dunkel wird, dann zündet man gerne ein Licht an. Weil man die Horrorwelt sonst nicht ertragen könnte, muss man Schutzräume einrichten, Räume der Hoffnung. Die blenden die Realität nicht aus, im Gegenteil, sie stellen sich der grausamen Wirklichkeit, bieten aber, soweit die Hoffnung trägt, die Kraft, um dieser Wirklichkeit standzuhalten. Und sie geben Energie zum Widerstand, selbst wenn kurzfristig keine Veränderung bewirkt werden kann.

Es steht nicht gut um unsere Hoffnung. Selten ist von ihr die Rede. Dafür ist vom Gegenteil der Hoffnung überall zu lesen und zu hören, von Resignation nämlich, von Fatalismus und von Angst. Und genau das sind die Emotionen, die unsere Kräfte blockieren. Angstgesteuertes Verhalten ist rückwärtsgerichtet, will Veränderung verhindern. Und Resignation tut einfach nichts, sie hat sich bereits mit dem befürchteten Ausgang abgefunden. Was fehlt, damit wir vernunftgesteuert, gerechtigkeitsorientiert und schöpfungsbewusst handeln?

Machen Sie bitte mit mir die Unterscheidung zwischen Hoffnung und Optimismus! Der Optimist erwartet stets den guten Ausgang. Für ihn sind düstere Prognosen keine wirkliche Bedrohung. «Wir werden schon Mittel und Wege finden, um die Probleme zu lösen! Wir haben alles unter Kontrolle, es kommt schon gut.» Aber natürlich ist das eine Illusion. Vielleicht ist Optimismus eine Strategie, um die eigenen Augen immer auf Erfolg einzustellen, auch wenn die Wirklichkeit eine andere Sprache spricht.

Hoffnung hingegen ist keine Strategie. Sie setzt keinen guten Ausgang voraus, baut nicht auf die Vermeidbarkeit oder das Verschontwerden. Sie macht vielmehr Mut zur Annahme des Unvermeidlichen, ist eine Kraft, die auch schlimmste Entwicklungen zu bewältigen hilft. Schlussendlich kommt die Kraft der Hoffnung von Gott, der auch im Untergang, im Tod, bei jedem von uns bleibt. Sie nimmt dem Horror die lähmende Kraft. Wir Christen nennen das: Hoffnung aus dem Glauben an die Auferstehung Christi.

Ludwig Hesse, Theologe, Autor und Teilzeitschreiner, war bis zu seiner Pensionierung Spitalseelsorger im Kanton Baselland