Reliquiar der Ursula­reliquien in einem Seitenaltar der Basilika in Mariastein. | © Patricia Dickson, kath.ch
07.11.2019 – Aktuell

Die fast vergessenen Reliquien

Seit 1834 befinden sich die Reliquien aus dem Münster in Mariastein

Der Historiker und Benediktiner Lukas Schenker erzählt, wie die Reliquien des Basler Münsterschatzes ins solothurnische Kloster Mariastein kamen – und warum sie um ein Haar verbrannt wurden.

Knochen, Blut und Stoffreste waren von Beginn weg ein wichtiger Teil der Geschichte des Basler Münsters. Zur Weihe im Jahr 1019 spendete Kaiser Heinrich II. neben einer goldenen Altartafel und dem Heinrichskreuz auch Reliquien. Heinrichs Gaben standen am Anfang des Münsterschatzes, der sich über die Jahrhunderte vergrösserte.

«Ich bin etwas überrascht», beginnt Lukas Schenker 1000 Jahre später seinen Vortrag in der Klosterkirche Mariasteins, als gut 60 Personen erscheinen, um mehr über die Münsterreliquien zu erfahren. Im Mittelalter spielten Reliquien eine zentrale Rolle, heute erregen sie jedoch kaum noch viel Aufmerksamkeit. Damals wurden unzählige Körperteile und Stoffstücke heiss gehandelt. Die Reliquienverehrung sei vereinzelt regelrecht zur Sucht ausgeartet, erzählt Schenker.

Souvenirs aus dem Heiligen Land

«Verwechseln Sie Verehrung bitte nicht mit Anbetung», mahnt auch Schenker. Die Anbetung ist Gott vorbehalten. «Es wurde damals viel Unfug getrieben und es gab viele unechte Reliquien», erzählt er. Es seien sogar Reliquien des Erzengels Michael im Umlauf gewesen: Federn seiner Flügel.

Als Historiker zweifelt der Pater an der Authentizität vieler Reliquien, doch diese ist für ihn aus heutiger Sicht zweitrangig. Zum einen, weil sie nach all der Zeit schwierig nachzuweisen ist, und zum anderen, weil Reliquien letztlich ein Mittel zum Zweck sind: die Verehrung der Heiligen. Egal ob Stoffreste, Glieder, Knochen oder Blut – Reliquien sollen den Gläubigen helfen, die Heiligen zu vergegenwärtigen. Die Faszination, welche Reliquien auf mittelalterliche Gläubige ausübten, vergleicht Schenker mit dem profanen Bedürfnis, Souvenirs von Reisen nach Hause mitzubringen. Viele Reliquien gelangten mit Pilgern aus dem Morgen- ins Abendland.

Verbrennen und die Asche in den Rhein

In Basel fand der Reliquienkult mit der Reformation ein Ende. Glücklicherweise blieb der Münsterschatz vom Bildersturm weitgehend verschont. Kritisch wurde es jedoch für die Reliquien, als der Schatz 1827 aus Sicherheitsgründen vom Münster ins Rathaus verlegt wurde. Ein Archivar wurde damit beauftragt, die Reliquien aus den materiell wertvollen Behältern, den sogenannten Reliquiaren, zu entfernen. Die Anweisung lautete, sie zu verbrennen und die Asche in den Rhein zu streuen.

Glücklicherweise führte der Archivar den Auftrag nicht aus. 1834 wurden die Reliquien dem Benediktinerkloster in Mariastein übergeben. Die prunkvollen Objekte des Münsterschatzes ereilte wegen der Kantonstrennung von 1833 ein anderes Schicksal. Sie wurden unter den beiden neuen Halbkantonen aufgeteilt. Da Baselland dringend Geld benötigte, versteigerte der Kanton seinen Anteil des Schatzes. Heute sind einige Objekte wieder zurück in der Schweiz und werden in hiesigen Museen ausgestellt. Darunter sind die Originalreliquiare der Ursula- und Pantalusreliquien. Die eigentlichen, religiösen Schätze hingegen führen eine eher unauffällige, dafür endlich ungefährdete Existenz im idyllisch gelegenen Mariastein.

Patricia Dickson, kath.ch

 

www.unibas.ch/de/Aktuell/News/Uni-Research/Basler-Muensterschatz-digitalisiert-und-online-frei-zugaenglich.html

www.muensterschatz.ch