Ob mit dieser oder jener Behinderung, wir müssen mit uns zurechtkommen – die Voraussetzung dafür, auch andere anzunehmen (Szene aus Lourdes). | © Jean-Noël Lafargue/wikimedia
10.10.2019 – Impuls

Philipperbrief 3,17.20f

Ahmt auch ihr mich nach, Brüder und Schwestern, und achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt! … Denn unsere Heimat ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich auch alles unterwerfen kann.

Einheitsübersetzung 2016

 

Der wunderbare armselige Leib

Wie haben wir damals gelacht, und wie sehr habe ich mich nachher geschämt! Mit dem Vers aus dem Philipperbrief verbinde ich zeitlebens eine mir sehr peinliche Erinnerung. Heute kann ich darüber sprechen, denn ich habe viel daraus gelernt. Die Geschichte war so:

Es war während meines Theologiestudiums im Seminar. Es war üblich, dass wir täglich die hl. Messe besuchten, in der einer von uns jeweils Lektor war. Nun hatten wir in unserem Kurs einen Mitstudenten, der klein von Statur war und schon als Student so tat, als sei er der kommende Bischof. Dieser Kommilitone hatte Dienst an jenem Morgen. Wir sassen alle mehr oder weniger verschlafen in der Kirche, als sich der Kleine zum Vortragen der Lesung das Mikrofon herabzog. Mit seiner piepsigen Stimme las er dann sehr ernsthaft: «Brüder, ahmet mich nach!» Da schallte ein Lachen durch die Seminarkirche, wir waren plötzlich wach.

Scheinbar ungerührt fuhr der Lektor fort: «… der Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird …» Mein Lachen war plötzlich erstickt, vor Scham bin ich erschrocken. Selbstverständlich wusste unser Mitstudent um seinen armseligen Leib. Und natürlich war die Situation komisch. Trotzdem war es gemein, ihn unserem Gelächter auszusetzen. Ich denke, wir haben ihn sehr verletzt. Aber beschwert hat er sich nicht, und niemand hat ein Wort darüber verloren. Ich denke, er wusste, was er gelesen hat.

Vielleicht war dieses Erlebnis einer der Impulse, die mich bewogen haben, eine lange Zeit mit Menschen in Spitälern zuzubringen, bei Menschen mit beschädigtem Leib. Die Kranken und die Nicht-Schönen sind besonders schutzbedürftig. Ausgelacht werden verletzt tief. Dem Schutz dieser Menschen habe ich mich gewidmet. Aber ich brauche gar nicht in ein Spital zu gehen, um einen armseligen Leib zu sehen. Ein Spiegel reicht.

Einen besonderen Satz in meinem persönlichen Glaubensbekenntnis habe ich aus dieser Erkenntnis formuliert: «Ich habe mich nicht selbst gemacht!» Ich bin mir aufgegeben, klein oder gross, Mann oder Frau, mit dieser oder jener Behinderung. Und ich muss mit mir zurechtkommen. Ich bin mir selbst eine Aufgabe, denn mich selbst in Liebe anzunehmen ist die Voraussetzung dafür, andere anzunehmen und nicht über sie zu lachen. Auch sie haben sich ihren Leib nicht ausgesucht.

Nun kann man diesen Leib für unwichtig erachten, da er ja doch vergänglich ist und wir auf die himmlische Herrlichkeit warten. So etwa war die Motivation des Ignatius, der, verhaftet in Rom, verboten hatte, sich für sein Überleben einzusetzen. Wilde Tiere machten mit seinem armseligen Leib kurzen Prozess, sein Glaube gab ihm die Zuversicht, mit Christus in der himmlischen Herrlichkeit vereint zu sein.

So leibvergessen oder gar leibfeindlich kann und will ich nicht sein. Schliesslich sind Leib und Leben wunderbare und staunenswerte Gottesgeschenke. Bevor mich der Tod von meinem irdischen Leib erlöst, will ich gelernt haben, was Liebe heisst. Gerade dort, wo keine perfekte Statur lockt, will ich die Schönheit finden. Und so heisst der zweite Satz in meinem Glaubensbekenntnis: Du und ich, wir sind geliebte Kinder Gottes im wunderbaren armseligen Leib.

Ludwig Hesse, Theologe, Autor und Teilzeitschreiner, war bis zu seiner Pensionierung Spitalseelsorger im Kanton Baselland