Martin Föhn unterwegs im Kleinbasel. | © Manuela Matt/kath.ch
21.12.2020 – Aktuell

Der Gottsucher, der vom Hölloch kommt

Der in Basel tätige Jesuit Martin Föhn macht mit im «Theologischen Quartett» von kath.ch

Martin Föhn (38) stammt aus Muotathal und war Bauer. Heute ist er Priester – und Jesuit. Er ist auf der Suche nach der Quelle des Heiligen. Sein neuestes Projekt: der Pod­cast «Das Theologische Quartett».

Zu zweit tragen sie das rote Sofa aus dem Keller ein paar Meter weiter ans Kleinbasler Rheinbord. Jetzt steht das Sofa am richtigen Ort – draussen bei den Menschen. Ausblick auf den Rhein und das Basler Münster, die Sonne im Gesicht.

«Wir haben Zeit», steht auf einem laminierten A4-Blatt. Das ist eine Aktion der Katholischen Kirche Basel-Stadt. Martin Föhn arbeitet dort seit September als Fachstellenleiter Spiritualität und Bildung.

«Wie sprichst du die Leute an?», fragt Martin Föhn seine Kollegin. Er tritt von einem Bein auf das andere. «Das mache ich nicht so gerne.» Dann gibt er sich einen Ruck und geht auf eine Spaziergängerin zu. «Möchten Sie auf unserem Sofa Platz nehmen? Pause machen, ein bisschen reden – einfach so?» Die Frau will nicht.

Nur reden? «Ich habe Mühe mit dem Wort Mission», sagt Martin Föhn. «Ich zweifle aber, ob die Menschen mit der heutigen Liturgie in der Kirche wirklich erreicht werden.»

Dreijähriger will Priester werden

Der Weg von Martin Föhn beginnt in Muota­thal im Jahr 1982. Dort gibt es das Hölloch und eine aktive katholische Gemeinde. Neuhundenen hiess der Hof seiner Eltern. Heute ist es der Hof seines Bruders. Martin Föhn wollte ihn nicht.

«Ich hatte eine ganz normale Kindheit», sagt Martin Föhn. Sie hätten im Heugaden Höhlen gebaut und Völkerball gespielt. Den Sommer mit den Kühen auf der Alp verbracht. Arbeit gab es immer, dafür keinen Fernseher.

Nächster Versuch. «Grüezi. Wollen Sie auf unserem roten Sofa eine Pause machen?» Die Frau will sich nicht setzen, aber auf einen Schwatz bleibt sie stehen. Beide schauen auf das glitzernde Wasser des Rheins. Gerade schwimmen drei Menschen in Neoprenanzügen vorbei.

Nach der Sekundarschule machte der Bauernsohn eine Lehre als Landwirt. Er habe von Anfang an gezweifelt, ob er ein Leben lang Bauer sein wolle. «Ich werde Priester», sagte er mit drei Jahren zu seinem Onkel – als der beim Melken war.

«Martin war ein ruhiger Junge. Als wir im Firmunterricht über Vorbilder sprachen, ist Martin aufgeblüht», erzählt Brigitte Imhof. Sie war seine Religionslehrerin in Muotathal. «Als ich mit 16 die Heiligenlegenden gelesen habe, war das ein Schlüsselerlebnis», sagt Martin Föhn. «Ich habe mich gefragt, woher die Kraft von Jesus und den Heiligen kommt?»

Die Welt ist wie ein Kettenraucher

Der 38-Jährige sagt, er sei der Kraft auf der Spur, die Menschen Aussergewöhnliches bewirken lasse. Er ist überzeugt: Menschen können Aussergewöhnliches bewirken. Das ist gefragter denn je.

«Die Welt kommt mir vor wie ein Kettenraucher, der sich täglich ein Stück Lunge aus dem Leib schneidet.» Laut Martin Föhn steht die Welt vor dem Kollaps. Es werde Heilige brauchen, die den Weg aus der Krise weisen.

Nach der Lehre zum Landwirt und einem Abstecher nach Peru zu Immenseer Missionaren beschloss der unzufriedene Bauer, Religionspädagoge zu werden. Das Studium machte er am Religionspädagogischen Institut in Luzern. Das erste Praktikum führte ihn nach Zürich-Schwamendingen. «Schwamendingen ist heute mein Kraftort», sagt Martin Föhn. «Aber damals bin ich fast draufgegangen.»

«Ich wollte den Schwamendinger Jugendlichen das Reich Gottes verkünden, doch sie wollten davon nichts wissen.» Heute kann Martin Föhn darüber lachen.

Manchmal gibt Gott Antwort

Während seines Studiums machte Martin Föhn das erste Mal Exerzitien im Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn. Exerzitien sind Teil der ignatianischen Spiritualität, benannt nach dem Gründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola. «In den Exerzitien habe ich Gott wahrgenommen», erzählt Martin Föhn.

Wie fühlt sich das an? «Unterschiedlich. Manchmal nehme ich ein Gegenüber wahr, das mir antwortet.»

Martin Föhn lernte den Jesuitenorden kennen. Mit 29 entscheidet er sich für die Jesuiten und gegen eine Ausbildung zum Naturheilpraktiker. Es folgen: Noviziat in Nürnberg, Philosophiestudium in München, Hochschulseelsorge in Zürich, Theologiestudium in Paris. Im Oktober 2020 dann die Priesterweihe.

Impulse gibt er nicht nur in Basel auf dem roten Sofa. Martin Föhn ist auch Teil des «Theologischen Quartetts», des neuen Podcasts von kath.ch. Dort erzählt er zum Beispiel, dass er gerne in einsame Kirchen geht: «Stille, nichts als Stille.»

Was bedeutet der Verzicht auf eine Liebesbeziehung, der Zölibat? «Zweierbeziehungen hatte ich und das war schön, doch es genügte mir nicht. Ich will die Beziehung zu Gott vertiefen. Körperliche Nähe ist mir nicht so wichtig.»

Martin Föhn holt seiner Kollegin, die auf dem roten Sofa in ein Gespräch vertieft ist, Wolldecken. Die Sonne geht hinter dem Münster unter, die Kälte kriecht vom Boden die Beine hoch. Es wird Zeit, das rote Sofa wieder in den Keller zu räumen.

Eva Meienberg, kath.ch

 

Martin Föhn macht beim Podcast «Rauch­zeichen – Das Theologische Quartett» mit. Der Podcast von kath.ch ist auf Spotify und iTunes zu finden – oder auf www.kath.ch/podigee/.