Weihbischof Denis Theurillat im Garten des Bischöflichen Ordinariats in Solothurn: Jurassier von Geburt und aus Überzeugung – und seit 21 Jahren auch residierender Domherr des Kantons Bern. | © Christian von Arx
22.04.2021 – Hintergrund

«Mit Respekt – das liegt mir am Herzen»

Der jurassische Weihbischof Denis Theurillat erzählt, wie er den Jurakonflikt erlebt hat

Im Interview mit «Kirche heute» berichtet Weihbischof Denis Theurillat, wie er als Jurassier und als Priester den Jurakonflikt miterlebt hat. Wesentlich ist ihm der Respekt vor den Überzeugungen anderer Menschen.

Sie sind 1950 in Epauvillers im Clos du Doubs geboren. Wie war es für Ihre Familie, dass das Dorf damals zum Kanton Bern gehörte?

Weihbischof Denis Theurillat: Als Familie Theurillat waren wir Jurassier. Meine Eltern waren sehr interessiert an der Zukunft des Juras, aber die Frage «Bern oder Jura» stand für sie nicht im Vordergrund. Mein Vater war Gemeindepräsident von Epauvillers, später auch mein zweitältester Bruder André, aber in der Jurafrage war die Familie nicht direkt aktiv.

Wie haben Sie als Kind mitbekommen, dass es im Jura Spannungen mit Bern gab?

Es gab bekannte Persönlichkeiten im Jura, die sich für die Unabhängigkeit eingesetzt haben. Von ihnen hörte ich als Kind und als Jugendlicher. Und es gab jedes Jahr die Fête du peuple jurassien in Delsberg, das war etwas Konkretes für uns. Eine Versammlung aller Jurassier, wo die Hymne «La Rauracienne» gesungen wurde: «Du lac de Bienne aux portes de la France / L’espoir mûrit dans l’ombre des cités …». Das machte mir klar, dass die Jurassier ihre Freiheit von Bern haben wollten. Seit dem Wiener Kongress von 1815 wussten die Jurassier, dass mit ihrer politischen Zugehörigkeit etwas nicht ganz stimmte, in der Kultur, in der Sprache, im Alltag. Seither ist viel passiert, es gab Kampf, Streit, Spannungen, auch Gewalt. Für mich ist wichtig: Jede Person hat das Recht, ihre Überzeugung zu haben. Wesentlich ist der Respekt.

Waren Sie selbst Mitglied der Béliers? Haben Sie an Aktionen teilgenommen?

(Sehr bestimmt:) Nein, meine Brüder auch nicht. Ich glaube, das hat mit der Philosophie meines Vaters zu tun. Er war eine starke Persönlichkeit. Seine Haltung war: Wir müssen die Augen offen halten und uns unserer Herkunft bewusst sein. Wir müssen ein gutes Gleichgewicht in unseren politischen Engagements finden.

Was war der Kern des Problems der Jurassier im Kanton Bern?

(Denkt lange nach:) Dazu kommt mir der Wiener Kongress in den Sinn. Es hat mit den neuen Grenzen zu tun, die 1815 gezogen wurden. Damals wurde der Jura vom Wiener Kongress dem Kanton Bern angeschlossen. Ich bin kein Spezialist der Geschichte. Die Kernfrage ist, so meine ich, eine Frage der Identität. Wir sind Jurassier und eben nicht Berner. Das hat mit der Kultur zu tun, mit der Sprache, eben mit der Geschichte. Und damit, dass die Jurassier den Willen hatten, ein eigenes Volk zu werden.

Spielte es für die Einstellung der Leute eine Rolle, welcher Konfession sie angehörten?

Ich denke nicht. Man sagt manchmal, dass es einen Einfluss hatte, aber von mir aus gesehen ist es nicht so. Auf der Berner Seite gab es auch Katholiken, auf der jurassischen Seite auch Reformierte. Der Kulturkampf des 19. Jahrhunderts war ein Kampf der Konfessionen. Aus dieser Erfahrung ist später die ökumenische Bewegung entstanden. In meiner Zeit als Pfarrer in Malleray-Bévilard im Südjura (1985 bis 1997, die Red.) lebten in diesen Dörfern etwa ein Drittel Katholiken und eine Mehrheit von Reformierten. Da hat mir ein früherer Pfarrer gesagt: «Denis, vergiss nicht, du bist auch Pfarrer der Reformierten.» Natürlich gilt das umgekehrt auch: Der reformierte Pfarrer ist auch Pfarrer für die Katholiken. Das habe ich nie mehr vergessen. Denn man lebt zusammen. In Malleray-Bévilard konnten wir immer einen gemeinsamen Weg mit den Reformierten gehen.

Haben die Kirchenmitglieder von Ihnen als Priester erwartet, dass Sie Partei ergreifen?

Die Leute wussten schon, dass ich meine Überzeugung habe und ein Jurassier bin. Aber ich war absolut Priester für alle. Einen grossen Teil meiner Priesterlaufbahn habe ich im Südjura gearbeitet, da war ich Priester für alle, egal auf welcher Seite sie standen. Es wäre gravierend gewesen, wenn ich eine politische Haltung übernommen hätte. So wäre meine Arbeit nicht möglich gewesen. In unseren Pfarreien gab es sowohl sehr engagierte Berner wie auch Jurassier. Ich habe Freunde und Bekannte, die Berner sind. Klar, in einer kleinen Runde gab es auch mal engagierte Diskussionen. Druckversuche habe ich keine erlebt, und ich hätte das auch nicht akzeptiert.

Wie hat sich in Ihrer Zeit die Kirche zum Jurakonflikt verhalten?

Eine Einmischung der Kirche wäre katastrophal gewesen. Theologisch gesprochen, ist die Kirche der Leib Christi und muss über den irdischen Streitigkeiten stehen. Das heisst nicht, dass es ihr gleichgültig ist, was in der Gesellschaft passiert – das zeigt etwa die Enzyklika «Fratelli tutti» von Papst Franziskus sehr deutlich. Auch seine kürzliche Reise in den Irak macht klar, dass Franziskus sich als Bruder aller Menschen sieht.

1975 und 1976  wurden Sie in Delsberg zum Diakon und in Saignelégier zum Priester geweiht, von 1976 bis 1980 waren Sie Vikar in Bassecourt im Bezirk Delsberg. Das waren die Jahre, als der Kanton Jura und die Trennung von Bern Wirklichkeit wurden. Wie haben sich Priester und Kirche im Jura zu den Abstimmungen jener Jahre verhalten?

Die Kirche hat eine Frohe Botschaft zu verkündigen. Die grosse Mehrheit der Gläubigen in diesen Gebieten hat sich für die Unabhängigkeit des Juras eingesetzt. Aber die Position der Kirche war natürlich nicht zuvorderst im Umzug, bei den Fahnen. Denn es gab auch im Jura eine Minderheit für den Kanton Bern. Das sind auch Menschen. Das Evangelium ist für alle da! Das ist ja mein Wahlspruch als Bischof: Das Evangelium wagen. Sicher, als junger Priester in Bassecourt habe ich die Erfahrung gemacht: Jetzt beginnt eine neue Etappe für mein Volk. Danach habe ich in den Tälern von St-Imier und Tavannes gelebt, die bei Bern blieben. Wir haben mit beiden Realitäten zu leben, mit den Bernern und den Jurassiern. Es war kein Krieg der Konfessionen. Es war ein Kampf um das Ziel, dass die Menschen ihre Identität leben können.

Wie waren Ihre Gefühle, als der Kanton Jura gegründet wurde?

Das war eine grosse Freude. Ich bin mit meinen Wurzeln als Jurassier aufgewachsen, bis dieses Gebiet als Kanton anerkannt wurde. In diesem Moment gab es eine Explosion der Freude. Was wir als inständigen Wunsch in uns trugen, ist zur Realität geworden. Das ist etwas Wunderbares. Nicht alle Menschen können diese Erfahrung machen in ihrem Leben. Aber immer mit dem Respekt für die Meinungen anderer Menschen! Seit meiner Bischofsweihe im Jahr 2000 bin ich auch residierender Domherr des Kantons Bern. Damit kann ich gut leben: Mit meinen Überzeugungen, aber im Respekt und im Dialog mit anderen Überzeugungen. Als einmal an einem Fest ein Potpourri aus Kantonshymnen gespielt wurde, war ich ganz überrascht, als plötzlich die jurassische Hymne «La Rauracienne» erklang. Ich stand sofort auf und sang mit, ich konnte nicht schweigen!

Nach der Gründung des Kantons konzentrierte sich der Konflikt auf den Berner Jura. Wie hat sich das in Ihrer Arbeit als Priester im Südjura von 1980 bis 1997 ausgewirkt?

Die Spannung ist immer noch da. Wenn ich Leute aus dem Jura treffe, weiss ich oft, ob jemand Berner oder Jurassier ist. In meinen zwölf Jahren in der Pfarrei Malleray-Bévilard war die Spannung im Alltag zu spüren, besonders wenn Anlässe der Berner oder der Jurassier stattfanden. Aber man muss gemeinsam einen Weg finden, man muss den ständigen Dialog weiterführen. Mit Respekt, das liegt mir sehr am Herzen. Die Lust auf ein neues Zusammensein wächst und wirkt, das habe ich erlebt in unserer Pfarrei. Manchmal spürte ich, dass der Dialog nicht möglich war, auch das habe ich erlebt. Die Jugendlichen, wenn auch nicht alle, waren eher offener als die Eltern oder Grosseltern. Das finde ich positiv.

Unter den Katholiken im Südjura gab es viele, die aus katholischen Ländern stammten. Haben die Migranten im Jurakonflikt auch Partei ergriffen?

Es gab einzelne, die sich für den Jura oder für Bern engagiert haben. Aber die Migrantinnen und Migranten waren im Jura, weil sie Arbeit gefunden hatten. Das stand für sie im Vordergrund, und das wollten sie nicht gefährden.

Als Bischofsvikar des ganzen französischsprachigen Teils des Bistums Basel (Jura Pastoral) von 1997 bis 2000, als Weihbischof und Domherr des Kantons Bern seit 2000 waren Sie auch Ansprechpartner der Kantonsregierungen in Delsberg und in Bern. Haben Sie dabei heikle Momente erlebt?

Ich bin noch bis Ende Juni Domherr, habe mich aber an der Sitzung von Mitte März im Domkapitel verabschiedet. Die Beziehungen waren sehr gut. Diskussionen führten wir mit Einsicht und Bedacht, aber ich hatte in diesem Bereich auch nicht direkt grosse Themen zu bearbeiten. Für die Behörden in Delsberg war ich «unser Weihbischof Denis». Bei meiner Ernennung zum Weihbischof hat mich Bischof Kurt Koch gefragt, ob ich einverstanden sei, das Amt als residierender Domherr des Kantons Bern zu übernehmen. Ich fragte ihn zuerst: «Ich als Jurassier?» Aber ich konnte es gut akzeptieren, weil ich 17 Jahre als Priester im Kanton Bern gearbeitet habe. Und die Regierung in Bern hat sofort Ja gesagt. Ich kann gut mit unterschiedlichen Realitäten leben. In meiner Jugend wollte ich Mönch werden; aber als mir ein Freund sagte, ich müsse in der Welt bleiben, habe ich das als Wort des Heiligen Geistes verstanden. Dennoch gibt es in mir drin immer auch einen Mönch. Ebenso bin ich Jurassier und seit 21 Jahren auch residierender Domherr des Kantons Bern.

Seit der Teilung des Juras hat sich der Konflikt vor allem auf die Stadt Moutier konzentriert. Was braucht es aus Ihrer Sicht und Erfahrung für eine friedliche und gute Zukunft von Moutier?

Unabhängig davon, wie das Resultat der Abstimmung ausfällt*, werden wir in Moutier sicher Missionare und Missionarinnen brauchen, die aufstehen und sagen: Jetzt ist der Entscheid gefallen, damit müssen wir leben und unseren Weg weitergehen. Es gibt keine andere Lösung mehr. Das Resultat vorauszusagen, ist unmöglich – so oder so wird es grosse Enttäuschung und enorme Freude geben. Unsere Kirchen werden eine wichtige Aufgabe haben, um zur Ruhe beizutragen, mit der Predigt, mit der Arbeit in den Pfarreien, mit dem Dialog – in beiden Konfessionen. Ich glaube an die Präsenz des Heiligen Geistes, der in den Herzen wirken muss. Und ich bin voller Vertrauen, dass der Weg weitergehen kann. Es ist aber eine unglaublich heikle Mission. Ich hoffe und bete, dass es keine Gewalt gibt.

Sie sind in der Region von St-Ursanne geboren. Was bedeuten Ihnen der Ort St-Ursanne und der heilige Ursicinus?

Als Kind wohnte ich auf dem Hügelzug des Clos du Doubs. St-Ursanne war für unsere Familie immer ein wunderbares Städtchen. Je älter ich wurde, umso mehr wurde mir bewusst, dass der Name der Stadt auch der Name des Heiligen ist. Das Bild von Ursicinus als Einsiedler in dieser Gegend hat sich mir eingeprägt. Viele Leute steigen zur Einsiedelei hoch für das Gebet, die Meditation und wegen der Stille. Der heilige Ursicinus hat zu seiner Zeit Vertrauen im Volk gefunden und wird seit Jahrhunderten als Patron der Stadt verehrt. Von den Heiligen des Juras steht er mir sicher am nächsten.

Interview: Christian von Arx

* Das Gespräch wurde am 18. März geführt, zehn Tage vor der Abstimmung in Moutier. Das Resultat vom 28. März lautete: 2114 Ja (54,9 Prozent) und 1740 Nein zum Übertritt in den Kanton Jura.

 

Bei der jurassischen Hymne «La Rauracienne» singt Weihbischof Denis Theurillat noch heute spontan mit. – Bild: Schulkinder singen die «Rauracienne» am Jubiläum «40 Jahre Kanton Jura» 2019 in Saignelégier. | © Jean-Christophe Bott/Keystone