Vermählung von Maria und Josef (Bild der Künstlerin Stella Radicati, 2017). | © zVg/Kloster Mariastein
05.03.2020 – Impuls

 

Matthäus 1,20.24

Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist … Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

Einheitsübersetzung 2016

 

Dem Ewigen den Vortritt lassen

Ein Jahr lang hatte ich Zeit, Josef anzuschauen, mir sein Gesicht einzuprägen, darüber zu rätseln, was wohl in dem jungen Mann vorgeht, meinen Blick ruhen zu lassen auf dem Paar, das sich fest in die Augen schaut, betrachtete ihre Hände, wie die Rechte Marias auf seiner Linken ruht. Das Bild, das vom 5. Januar 2019 bis zum 7. Januar 2020 bei uns in der Josefskapelle hing, ist transparent und lauter. Zart und ausdrucksstark verbindet die Künstlerin Stella Radicati das klassische Motiv der «Vermählung der Jungfrau Maria» mit einer grundsätzlichen, stets aktuellen Thematik. Es geht um die Beziehung von Frau und Mann – ganz ohne Kind, vorläufig.

Erinnern wir uns an den Anfang. Dort ist zwischen Adam und Eva etwas in die Brüche gegangen. Als Gott den Adam zur Rede stellte, schob dieser die Schuld auf die Frau: «Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben, und so habe ich gegessen» (Genesis 3,12). Seither geht ein Riss durch die vom Schöpfer gewollte Einheit von Mann und Frau. Seither hat der Mann gegenüber der Frau etwas gutzumachen. Nicht Adam ist Herr der Schöpfung, sondern der Ewige, der den Menschen als sein Abbild erschuf, «als Mann und Frau schuf er sie». Nur so kann alles «sehr gut» sein (Genesis 1,27.31).

Unser Blick richtet sich auf Josef. Sein Gesicht sehen wir vollständig, obwohl er nicht uns, sondern Maria anschaut, mit Ernst und Respekt. Er steht eine Stufe höher als sie, doch sein rechter Fuss deutet an, dass er bereit ist, ihr auf Augenhöhe zu begegnen. Spürbar ist ein labiles Gleichgewicht von Nähe und Distanz. Ob auch erotisches Begehren mitschwingt? Schwer zu sagen. Eher liegt ein Geheimnis in der Luft, etwas Grosses, das die beiden zutiefst verbindet und doch ihre individuelle Geschichte, ihre gegenseitige Zuneigung weit übersteigt, von dem sie nicht wissen, wohin es sie führen wird.

Sie stehen in Kontakt miteinander, sie berühren sich. Josef hält Maria seine Hand hin, ohne die Hand Marias zu ergreifen. Sie legt ihre Hand in die seine, darauf vertrauend, dass er sie frei lassen wird. Denn sie hat ihren einen eigenen Weg zu gehen. Wie der Engel ihm ausrichtete: «Fürchte dich nicht: Nimm deine Frau und lass sie frei!» Damit Maria ihr Ja sagen kann, muss auch Josef Ja sagen zu Gottes unerforschlichem Ratschluss.

Bei Niklaus und Dorothee von Flüe war es umgekehrt. Dorothee musste lernen, ihren Gatten loszulassen, ihn freizugeben für den Plan, den Gott mit ihrem Klaus vorhatte. Sie brauchte zwei Jahre, bis sie soweit war. Beide, Josef und Dorothee, haben Gott den Vortritt gelassen. Als Schweigende sind sie wortlos in die Geschichte eingegangen. Und haben uns gerade darum unendlich viel zu sagen.

Abt Peter von Sury, Mariastein