Die Lichter im Advent sprechen uns an – wo ist das eigentliche, das wahre Licht? | © I. Rasche/pixelio.de
20.12.2018 – Impuls

EVANGELIUM NACH JOHANNES 1, 5–9

Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.
Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes.
Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen.
Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.

Neue Einheitsübersetzung

Das wahre Licht entdecken

Wo sehen wir das Licht? Ja, natürlich am Christbaum oder durch die Aussenbeleuchtungen der Häuser … in der Advents- und Weihnachtszeit. Die Tausenden LED-Lämpchen, welch ein Zauber. So und anders überlegte ich im Adventsgottesdienst mit behinderten Menschen. Eine Frau machte «nur» eine Handbewegung: mit dem rechten Zeigefinger zu ihrem Herzen. Ich weiss, dass ihre Familie an Depressionen leidet. Dass ausgerechnet sie dieses Licht erwähnt, das ich – das wir oft nicht wahrnehmen können? So ging es mir durch den Kopf. In dieser Feier hätte man eine Nadel fallen hören, so konzentriert, so da, ganz da, waren die Menschen, die Behinderten, Angehörigen und die Betreuungspersonen. Kein Gestürm, nichts, alle waren ganz einfach da.

Im Text des Johannesevangeliums lesen wir von einem Licht, das bei Gott war und zu uns kam. Die Finsternis der Welt erfasste es nicht, trübte es nicht, verdunkelte es nicht, brachte es nicht zum Verschwinden. Welcher Trost für mich und vielleicht auch für Sie! Die Schreckensnachrichten, die Armut von Millionen von Menschen, das Machtgebaren der Finanzwelt und der Politik in vielen Teilen der Welt sind fast zu viel und scheinen «das Licht», Christus, zum Verschwinden zu bringen. Unverständnis und Entsetzen auch über die Nachrichten aus der Religion, welche «Zeugnis für das Licht» ablegen soll.

Das Fest des Apostels und Evangelisten in diesen Weihnachtstagen kann ein Anstoss sein, das eigentliche Licht und nicht den Schein zu entdecken. So wie kürzlich nach einer Regennacht der Morgen die Sicht auf den Mond und die Venus freigab. War das ein Anblick auf dem Weg zur Arbeit. Eine völlig neue Perspektive. An jenem Tag durfte ich etwas neu sehen und erfahren: Ein junger Mann im Gefängnis, der ein grosses Gewaltproblem hat, flüsterte mir, seine Kappe tief ins Gesicht gezogen, beim Vorbeigehen ins Ohr, dass er mich vermisst habe (nachdem ich längere Zeit abwesend war). Gewalt und Zartheit, nebeneinander in derselben Person.

Der heilige Johannes war Zeuge des Lichtes und wusste genau, dass nicht er das Licht war. Er folgte Jesus nach und begleitete ihn bis zum Abendmahl und darüber hinaus in den Ostermorgen, als «er sah und glaubte». Wir brauchen Licht, um sehen zu können. An Weihnachten, in den langen dunklen Nächten, ohne die Tausenden LED-Lämpchen, möchte uns das wahre Licht besuchen kommen. Eine neue Perspektive und eine lebendige Hoffnung werden uns geschenkt. Ich mag geblendet sein von Äusserlichkeiten, Machtgebaren hier wie dort, von Traurigkeit und dem Elend der Welt, ich brauche dieses wahre Licht, um dies einordnen zu können und um zu erkennen, wo ich möglicherweise Zeuge seines Lichtes werden darf. So wird am 27. Dezember aus Psalm 97 gesungen: «Freut euch am Herrn! Licht wird ausgesät für den Gerechten, Freude für die, die geraden Herzens sind.»

Anna-Marie Fürst, Theologin, arbeitet in der Gefängnisseelsorge und in der Seelsorge für Menschen mit Behinderung in den Kantonen Aargau, Basel-Stadt und Zug