Ein harter Abbruch wie beim Creux du Van: So liess der ursprüngliche Schluss des Markusevangeliums den Tod Jesu im Raum stehen. | © berggeist007/pixelio.de
22.04.2021 – Impuls

Markus 16,1.5–6a.8
Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. (…) Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weissen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. (…) Da verliessen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.

Einheitsübersetzung 2016

 

Das Unharmonische gehört dazu

Unser Deutsch- und Musiklehrer erzählte uns im Unterricht einmal eine Anekdote des Wunderknaben Mozart, der jeweils seinen Vater Leopold geärgert habe, indem er am Klavier ein Stück spielte und dabei den letzten Ton ausliess. Seinem Vater habe dies keine Ruhe gelassen, er musste nochmals aus dem Bett steigen und den letzten Akkord spielen, während der verschmitzte Junge hinter der Tür hervorlugte. Erst dann habe er ruhig einschlafen können.

Es ist vermutlich eine zutiefst menschliche Regung, dass wir eine Sache gerne abgerundet und harmonisch haben. Wir mögen es, wenn wir im Einklang sind mit uns selbst und mit dem, was uns umgibt. So zumindest ergeht es mir, obwohl es in meinem Leben auch einige Erlebnisse gibt, die nicht rund sind, sondern die quer stehen und sich nicht harmonisch einfügen lassen. Und so ergeht es vermutlich den meisten Menschen. Es gibt Ereignisse im Leben, die nicht so recht zum Ganzen passen wollen und mit denen wir uns schwer tun.

So vermag es wohl auch den frühchristlichen Hörerinnen und Hörern des Markus­evangeliums ergangen sein. Der erste Schluss (Mk 16,1–8) bot ein recht düsteres und hoffnungsloses Bild und wurde zu einer späteren Zeit von anderer Hand ergänzt (Mk 16,9–20). Dabei lag es vermutlich sehr wohl in der Intention des Markus, die Auswirkung des tragischen Todes Jesu auf seine Jüngerschar so im Raum stehen zu lassen.

War Markus ein Realist? Warum hat er seine Reise mit Paulus abgebrochen? Die Ausgangslage war für Markus ja geradezu ideal: Seine Mutter war eine anerkannte Grösse in der Jerusalemer Urgemeinde und stellte dieser gar ihr Haus für die Versammlungen zur Verfügung. Vielleicht ergab sich hieraus für Markus die Gelegenheit, mit Paulus auf seine Missionsreise aufzubrechen. Connections waren schon damals wichtig! Doch vielleicht war ihm Paulus zu eifrig oder die Reise wurde Markus zu gefährlich? Wir wissen es nicht, nur dass Paulus offensichtlich von ihm enttäuscht war und ihn auf eine weitere Reise nicht mitnehmen wollte.

Dass Markus sich danach bei Petrus wiederfindet, erstaunt mich nicht. Petrus scheint, vielleicht auch durch seine eigenen querstehenden Erfahrungen, besser zu Markus zu passen. Gerade Petrus hat den Mund ja ziemlich voll genommen und von sich selbst erfahren müssen, dass er dann doch nicht so standhaft war und seine Bekanntschaft mit Jesus leugnete. Es ist naheliegend, dass ihn diese Erfahrung für den Rest des Lebens geprägt hat.

Für mich stelle ich fest, dass mich die unharmonischen, querstehenden Lebensereignisse im Grossen und Ganzen toleranter, nachgiebiger und auch nachsichtiger werden liessen, mir selbst und anderen Menschen gegenüber. Dies deckt sich auch mit einer Erfahrung, die ich als Sozialarbeiter und Seelsorger machen durfte: Das Leben ist bunter und vielfältiger, als wir es oft wahrhaben wollen. Nicht nur Höhen und Tiefen gehören dazu, sondern auch Ausgefallenes und Querstehendes, auch solches, was sich nicht von selbst harmonisch einfügen lässt.

Mathias Jäggi, Theologe und Sozialarbeiter, arbeitet als Berufsschullehrer