21.04.2018 – Editorial

Schwieriges Erbe

«Er ist kein Heiliger»: Mit dieser Bemerkung geben wir andern zu verstehen, dass jemand alles andere als einen vorbildlichen Lebenswandel führt, immer wieder über die Stränge schlägt und Regeln verletzt. Nicht ganz so streng ist das Urteil, wenn wir von uns selber sagen: «Ich bin kein Heiliger.» Damit deuten wir eher an, dass wir uns nicht in jeder Situation untadelig verhalten, und hoffen auf Nachsicht für unsere Schwächen.

Ein solches «Ich bin kein Heiliger» würden wohl die meisten von uns unterschreiben. Und jetzt kommt Papst Franziskus und ruft uns mit seinem neusten Apostolischen Schreiben «Gaudete et exsultate» («Freut euch und jubelt») zu nichts weniger als zur Heiligkeit auf: «Über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute», fasst der Untertitel das Thema seines vierten päpstlichen Schreibens zusammen. Heiligkeit! Ist das nicht weltfremd?

Ja, dem Papst geht es tatsächlich ums Heiligsein. Aber Franziskus hat nicht mögliche Kandidatinnen und Kandidaten für eine Heiligsprechung im Blick, sondern uns ganz gewöhnliche Menschen. Er zählt auf: Die Eltern, die ihre Kinder mit Liebe erziehen. Die Männer und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen. Die Kranken und die älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln. Sie alle nennt er «die Heiligen von nebenan».

Das ganze Schreiben scheint darauf ausgerichtet, unsere Distanz zum Heiligsein abzubauen. So schreibt Franziskus: «Worauf es ankommt, ist, dass jeder Gläubige seinen eigenen Weg erkennt und sein Bestes zum Vorschein bringt, das, was Gott so persönlich in ihn hineingelegt hat.» Zum Beispiel rät er, unsere Arbeit «mit Redlichkeit und Sachverstand» zu verrichten. Darin sieht Franziskus Heiligkeit.
Weltfremd, so könnte man schliessen, ist nicht das Anliegen dieses Papstes, sondern unser eigenes Bild davon, was heilig sei. Man versteht gut, worum es Franziskus geht. «Jesus erklärte mit aller Einfachheit, was es heisst, heilig zu sein, und er tat dies, als er uns die Seligpreisungen hinterliess.» Dazu der Massstab des Jüngsten Gerichts: «Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben.»

Das Schreiben «Gaudete et exsultate» macht klar, dass Franziskus unter Heiligkeit nicht etwas für uns gewöhnliche Sterbliche Unmögliches versteht, sondern etwas, «das durch kleine Gesten wächst». Wahrscheinlich bin ich in meinem Leben schon einer ganzen Anzahl Heiliger begegnet, in meiner nächsten Umgebung.

Christian von Arx