Bischof Felix Gmür von Basel: «Grundlegender Bezurgspunkt für die Pfarregemeinde ist nicht der Pfarrer, sondern Jesus Christus.» | © Pia Neuenschwander
30.07.2020 – Aktuell

«Wir gehen besonnen weiter, gemeinsam»

Bischof Gmür nimmt kritisch Stellung zu einer Instruktion des Vatikans über Pfarreireformen

Eine gute Woche lang hatten kirchenamtliche Stellen in der Schweiz zur Instruktion der römischen Kongregation für den Klerus über «Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde» geschwiegen. Nun hat sich der Bischof von Basel gegenüber den pastoralen Mitarbeitenden sowie den Mitgliedern kirchlicher und staatskirchenrechtlicher Gremien seines Bistums zum Vatikanpapier geäussert – und das ungewohnt deutlich und kritisch.

Am 20. Juli veröffentlichte die römischen Kleruskongregation eine Instruktion über «die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche». Dieses Schreiben habe bei Kirchenmitgliedern Fragen und Unsicherheit hinsichtlich der Kirchenentwicklung ausgelöst, schreibt der Kommunikationsverantwortliche des Bistums Basel, Hansruedi Huber. In einem Schreiben vom 29. Juli kommentiert Bischof Felix Gmür, der auch Präsident der Schweizer Bischofskonferenz ist, die Instruktion der Kleruskongregation kritisch und stellt klar, dass das Bistum Basel seinen seit Jahrzehnten eingeschlagenen Kurs der Entwicklung der Leitungsmodelle – mit vielen Leitungsaufgaben für Laien – besonnen weiter gehen werde.

Vorab hält Bischof Gmür fest, die Instruktion aus Rom sei «unvermittelt» gekommen. Er kenne ihr Motiv nicht, eine vorgängige Konsultation habe es nicht gegeben. Er hält dem Papier der Kleruskongregation mehrere Punkte zugute: Etwa, dass sie den missionarischen Auftrag der Pfarrei unterstreiche, die Erreichbarkeit und Nähe betone und das ganze Volk Gottes als Subjekt der Evangelisierung nenne.

«Entspricht nicht unserer Wirklichkeit und ist theologisch defizitär»

Zum Thema der Leitungsstrukturen der Pfarrei gehen die Sichtweisen des Bischofs und der Kleruskongregation allerdings weit auseinander. Felix Gmür hält fest, im Bistum Basel werde das kirchliche Leben seit dreissig Jahren gemeinsam gestaltet und verändert, indem alle Betroffenen eingebunden würden. Die vatikanische Instruktion hingegen zitiere allgemeine kirchenrechtliche Vorgaben und sehe die Pfarrei sehr auf den Pfarrer zentriert. Das, so der Bischof von Basel, «entspricht nicht unserer Wirklichkeit und ist obendrein theologisch defizitär und klerikalistisch verengt». In einem zentralen Punkt widerspricht er der Instruktion frontal: Während die Kongregation schreibt, «der Pfarrer und die anderen Priester zusammen mit dem Bischof erster Stelle» seien «der grundlegende Bezugspunkt für die Pfarrgemeinde», entgegnet der Bischof: Der grundlegende Bezugspunkt für die Pfarrgemeinde «ist nicht der Pfarrer, sondern der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus».

Gmür hält fest, die Instruktion gehe nicht auf besondere Umstände ein, zu denen in der Schweiz das duale System von pastoralen und staatskirchenrechtlichen Gremien gehöre. Zu diesem verweist Gmür auf das Pastoralschreiben der Schweizer Bischöfe über «Beauftragte Laien im kirchlichen Dienst» von 2005 und stellt klar: «Konkret bedeutet das, dass unsere Leitungsmodelle sowie die Berufs- und Amtsbezeichnungen weiterhin gelten.» Damit beruhigt er Befürchtungen, dass die neuste Instruktion aus Rom die in der Schweiz möglichen Aufgaben und Verantwortungen für nichtgeweihte Personen in Frage stellen könnte.

«Klärung des kirchlichen Dienstamtes für Frauen und Männer tut not»

Bischof Felix Gmür stellt fest, dass die Instruktion die Schweizer Wirklichkeit und die hier bestehenden Herausforderungen im Mittelteil des Textes nicht abbilde. «Vor allem im Bereich des Rechts ist keine Innovation zu erkennen, so dass der schale Eindruck bleibt, es gehe letztlich eben doch um die Vorrangstellung des Klerus», schreibt der Bischof und fügt bei: «Das ist schade und bereitet mir Sorge.» Er werde sich weiterhin dafür einsetzen, dass das kirchliche Leben im Bistum Basel auch in struktureller und rechtlicher Hinsicht entwicklungsorientiert bleibe. Denn dabei gehe es gerade um die Sorge für die Verkündigung des Evangeliums.

Aus der Sicht des Bischofs zeigt die Instruktion, dass der Dialog zwischen Bistümern und römischen Dikasterien noch sehr mangelhaft sei – und dass die theologische Debatte über die Stellung und den Auftrag des Priesters not tue. Dazu gehört für Gmür auch «die Klärung des kirchlichen Dienstamtes für Frauen und Männer im Gefüge der Gemeinschaft des Volkes Gottes unter den lebensweltlichen Bedingungen unserer Zeit.»

Als Bischof verspricht Felix Gmür allen Adressaten seines Schreibens: «Wir gehen besonnen weiter, gemeinsam, mit gebotener Unterscheidung, im Anstossen von Prozessen, im Vertrauen auf Gottes Wirken.»

Christian von Arx