Diese Kinder können dank dem Flüchtlingsdienst der Jesuiten die Grundschule Al Nour 1 in Baalbek (Libanon) besuchen. | © Stiftung Jesuiten weltweit
04.04.2019 – Impuls

 

2 Timotheus 1,14; 2,1–2

Bewahre das dir anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt!

Du also, mein Kind, sei stark in der Gnade, die dir in Christus Jesus geschenkt ist! Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast,
das vertraue zuverlässigen Menschen an, die fähig sein werden, auch andere zu lehren!

Einheitsübersetzung 2016

 

Bildung für junge Menschen – so wächst Hoffnung

Ein strahlender Sonntag, meine erwachsenen Kinder und ich fahren mit dem Zug in die Romandie. Überall weckt die Gegend Erinnerungen: Da waren wir schon mit dem Velo unterwegs. Dort stiegen wir in ein Schiff. In Neuchâtel war mein Sohn während der Ferien zu einem Französischkurs im Institut La Salle. Er erzählt von einem netten Schulbruder. Und gibt mir nebenbei den Hinweis: Der Name «Institut La Salle» kommt vom Gründer, Jean-Baptiste de La Salle. Ah, voilà! Auf einmal kann ich einen grossen Heiligen mit meiner Familiengeschichte verbinden.

Jean-Baptiste de La Salle lebte im Frankreich des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. In dieser glanzvollen Epoche sah er auch die Schattenseiten und wusste sich vor allem der ärmeren Volksschicht verpflichtet. Mit der Gründung von Berufsschulen für Lehrer, Reformschulen für Straftäter, technischen Schulen und Sekundarschulen für moderne Sprachen, Kunst und Naturwissenschaften wurde er zum Pionier des Volksbildungswesens. Seine Arbeit im 17. Jahrhundert in Reims verbreitete sich schnell in Frankreich und nach seinem Tod auf der ganzen Welt. Im Jahr 1900 wurde Jean-Baptiste de La Salle heiliggesprochen. Er hat andere inspiriert, wie man junge Menschen lehrt und betreut, wie man ihrem Versagen und ihren Krankheiten mit Mitgefühl begegnet, wie man sie bestätigt, stärkt und heilt. Zurzeit gibt es La-Salle-Schulen in 80 verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt, wie die auf La Salle zurückgehende Gemeinschaft der «Schulbrüder» oder Brüder der christlichen Schulen (FSC) auf ihrer Website www.lasalle.org dokumentiert.

Welch ein Programm! Manchmal sagt mir ein junger Mann im Gefängnis, dass er nur eine einzige Seite lesen mag, während ein anderer unbedingt etwas lernen möchte, damit die Zeit im Strafvollzug oder in der Ausschaffungshaft keine verlorene Zeit sei. Dann denke ich mir, dass eine Situation ohne Bildung nicht gut sein kann. Über das Lernen, innerhalb oder ausserhalb der Schulen, bekommt man eine neue Perspektive im Leben.

Aus Kriegsgebieten und Flüchtlingscamps hören wir, wie schlimm es ist, wenn eine heranwachsende Generation von Kindern und Jugendlichen nicht geschult und gebildet wird. Auch die Ausbildung für Mädchen und Frauen ist in vielen Ländern dieser Welt nicht selbstverständlich. Sie erfahren eine doppelte Diskriminierung. Ja, wenn die Schulbrüder des Hl. Jean-Baptiste de La Salle in 80 Ländern der Welt junge Menschen lehren und ihnen christliche Werte mit auf den Weg geben, ist das ein Hoffnungszeichen.

Im Jahr 2010 hat auch der Flüchtlingsdienst der Jesuiten ein neues Projekt gestartet, eine Online-Universität der Flüchtlinge. Wenn man bedenkt, dass der Aufenthalt in einem Flüchtlingscamp 15 bis 20 Jahre dauern kann, ist es geradezu eine Notwendigkeit, jungen Menschen dort eine Perspektive zu ermöglichen. Ein Netzwerk amerikanischer Jesuitenuniversitäten und der Flüchtlingsdienst arbeiten zusammen, um Flüchtlingen den Zugang zu Universitätsbildung zu verschaffen. Über Internet und Online-Plattformen kommen beide Gruppen zusammen. Diese Studiengänge gibt es in Flüchtlingscamps von Kenia, Malawi, Jordanien, Afghanistan, Thailand und Tschad.

Paulus ermuntert die Menschen: Bewahren wir das «anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt», und geben wir es weiter. Das macht Sinn. Wir selbst durften, vielleicht auch unter erschwerten Umständen, in den Genuss von Bildung kommen. Bei uns sprechen wir bereits davon, dass wir bis an das Lebensende lernen dürfen. Schön und stark, wenn wir auf irgendeine Weise für die jungen Menschen da sind, auch für diejenigen, die hier wie dort in Armut und auf der Flucht sind. So wächst neue Hoffnung.

Anna-Marie Fürst, Theologin, arbeitet in der Gefängnisseelsorge und in der Seelsorge für Menschen mit Behinderung in den Kantonen Basel-Stadt und Zug.