Ein Schritt zur Normalisierung? Die Herbstmesse findet in diesem Jahr statt, Zutritt zu den Messearealen auf dem Barfüsserplatz (Bild), Münsterplatz, Kasernenareal, Messeplatz, Rosentalanlage und Messehalle 3 gibt es nur mit Zertifikat.| © Regula Vogt-Kohler
26.10.2021 – Aktuell

Wie normal ist eigentlich die Normalität?

Ethisches Forum Binningen: Corona und die Suche nach neuen Normalitäten

Als im Spätwinter 2020 die Coronakrise ausbrach, wünschte man sich schnell das alte Leben zurück. Nach bald zwei Jahren Pandemie stellt sich nicht nur die Frage, ob wir zur früheren Normalität zurückkehren können, sondern auch, ob wir das sollen und wollen.

Ein Leben ohne Hygienemaske, ohne Zertifikat – haben Sie sich das auch schon gewünscht? Können Sie sich überhaupt noch vorstellen, wie es ist (oder eben war), das Haus zu verlassen, ohne an Masken, Zertifikat mit gültigem Ausweis und Hygieneregeln zu denken? Auch wenn die Pandemie und die mit ihr verbundenen Einschränkungen nun schon so lange dauern, dass sie einen Touch des Normalen erhalten haben, ändert das nichts daran, dass wir uns Normalität herbeisehnen

Könnte diese Nach-Corona-Normalität auch eine neue Normalität sein? Mit dieser Frage befasste sich das Herbstpodium des Ethischen Forum Binningen. Zuerst allerdings liess der Moderator Roger Ehret seine Gesprächsrunde einen Blick zurückwerfen. Welche persönlichen und beruflichen Erfahrungen und Beobachtungen machten sie zu Beginn der Pandemie?

Sie habe die Situation viel zu naiv beurteilt, sagt die Wirtschaftsethikerin Dorothea Baur. Ihre Naivität bezog sich etwa auf das Ausmass der Solidarität und die Rolle, welche die Technologie (z.B. Covid-App) spielen kann. Solidarität habe es zwar gegeben, sie sei aber nicht von Dauer gewesen. Ueli Mäder, Soziologe und emeritierter Professor an der Universität Basel und der Hochschule für Soziale Arbeit, sagt, er habe Corona zuerst auf die leichte Schulter genommen. Spitalseelsorgerin Kerstin Rödiger erinnert sich daran, wie angespannt die Stimmung im Universitätsspital Basel war. «Die Luft war dick.»

Blick für Wesentliches geschärft

Was fehlt(e) ihnen am meisten, welches ist der grösste Verlust an Normalität? «Nähe, Geselligkeit, spontane Begegnungen», sagt das Trio unisono. «Früher gab ich allen Patienten die Hand», sagt die Spitalseelsorgerin. Neben Schatten sieht der Soziologe auch Licht: Corona habe den Blick für Wesentliches geschärft. Für die Klimakrise beispielsweise. Corona habe der Nachhaltigkeit geholfen, sagt die Wirtschaftsethikerin. Die von Unternehmen verursachten Emissionen seien zurückgegangen, weil nicht mehr geflogen wurde. Und daraus lasse sich das Fazit ziehen, dass man nicht immer überall sein müsse.

Er habe von Familien gehört, dass Kinder plötzlich zu Gartenarbeiten bereit sind oder sich gegen die traditionellen Ferien bei den Grosseltern im fernen Ausland aussprachen, weil sie nicht mehr fliegen wollen, erzählt der Moderator. Der Soziologe erklärt dieses Engagement mit den persönlichen Erfahrungen und der sinnlichen Wahrnehmung. Ganz konkret: Der im Lockdown angelegte Gemüsegarten löst ein Umdenken und ein Hinterfragen bisheriger (Konsum)gewohnheiten aus. Und dies, so Ueli Mäder, stärkt die Frage: Wie normal ist eigentlich die Normalität?

Informationen einordnen und prüfen

Welche neuen Normalitäten sind denkbar? Für die Kirche gab Corona einen grossen Impuls zur Digitalisierung, sagt Kerstin Rödiger. Sie glaubt nicht daran, dass man zu den traditionellen Gottesdiensten im Spital zurückkommen wird. Online-Angebote seien aber kein Ersatz für Face-to-Face-Seelsorge, vielmehr gelte es beides zu verknüpfen.

Dorothea Baur plädiert für den Austausch im realen Gespräch. Wenn jeder online in seiner Parallelwelt abdrifte, bestehe die Gefahr, dass Spaltungen und Misstrauen entstünden. Die neue Normalität müsse sein, dass wir lernen, seriöse von unseriösen Informationen zu unterscheiden und die Quellen kritischer zu prüfen. Ueli Mäder geht davon aus, dass es der Jugend leichter falle, mit Vielfalt umzugehen. Da sei Flexibilität gefragt, jedoch nicht eine beliebige.

In der für das Publikum offenen Runde ging es dann weniger um neue Normalitäten nach Corona als um die aktuellen Begleiterscheinungen von Corona wie die Zertifikatspflicht, die auch für das Herbstpodium galt. «Wie gehen wir damit um, dass heute ein Teil ausgeschlossen ist?» war zu hören. Während sich Ueli Mäder fragt, ob die Zertifikatsregeln nicht zu streng seien, bezeichnet Kerstin Rödiger die 3G-Regelung (Zutritt nur, wer sich mit einem Zertifikat als geimpft, genesen oder getestet ausweisen kann; die Red.) als Versuch, zu einer Normalisierung zurückzukommen.

Der Skepsis bezüglich Zertifikat steht die klare Positionierung eines älteren Mannes gegenüber. Es störe ihn, dass die Kirche in den Medien so wenig präsent sei. Es müsste jeden Tag zu lesen sein «Impfen ist eine Christenpflicht», sagt er.

Regula Vogt-Kohler