Tür auf für den Kirchlichen Regionalen ­Sozialdienst: Verena Gauthier Furrer und Pfarrer Peter Bernd vor dem Pfarrei­zentrum Dreikönig in ­Füllinsdorf. | © Christian von Arx
12.11.2020 – Aktuell

«Auch Kirchenferne wollen, dass die Kirche Gutes tut»

Der Pastoralraum Frenke-Ergolz strebt einen Kirchlichen Regionalen Sozialdienst an

Im Pastoralraum Frenke-Ergolz setzt sich das Pastoralraumteam für die Schaffung eines Kirchlichen Regionalen Sozialdienstes (KRSD) ein. Diakonie – Dienst am Nächsten – ist ein Grundauftrag der Kirche, sagen Pastoralraumpfarrer Peter Bernd und Verena Gauthier Furrer, Fachverantwortliche Diakonie BL.

Bei «Kirche» denkt man zuerst an Gottesdienst. Warum braucht der Pastoralraum einen Sozialdienst?
Peter Bernd: Das Christentum ist ein Humanismus des Tuns. Der Kontakt mit den Menschen ist der Boden, auf dem die Verkündung ruht. Nur so ist die Kirche glaubwürdig. Das Bistum Basel verlangt die Diakonie als Schwerpunkt von jedem Pastoralraum. Mit dem Kirchlichen Regionalen Sozialdienst erreichen wir das erste strategische Ziel unseres Pastoralraumkonzepts. Unsere Pastoralraumkonferenz steht einstimmig hinter diesem Vorschlag.

Betritt der Pastoralraum Frenke-Ergolz damit Neuland?
Verena Gauthier Furrer: Nein. Die ersten kirchlichen Sozialdienste gibt es im Kanton Baselland seit den 1970er-Jahren. Hier haben unter anderem Binningen-Bottmingen, Allschwil, Birsfelden, Pratteln und Liestal eine Vorreiterrolle. Neu ist, dass auch kleinere Pfarreien in eher ländlichen Gebieten einen Sozialdienst haben sollen. Sinnvoll sind dort gemeinsame, regionale Sozialdienste, wie wir es für Frenkendorf-Füllinsdorf, Gelterkinden und Sissach vorschlagen.

Warum kein Sozialdienst für den ganzen Pastoralraum Frenke-Ergolz?
Peter Bernd: Liestal und Oberdorf haben bereits eine Diakoniestelle. Im Konzept ist für die Übergangszeit ein Sozialrat vorgesehen, in dem sich alle, die im Pastoralraum für die Diakonie tätig sind, abstimmen. Unser Pastoralkonzept nennt einen Sozialdienst für den ganzen Pastoralraum als Ziel.

Soziale Hilfe ist auch eine Aufgabe des Staates. Warum braucht es einen kirchlichen Sozialdienst?
Verena Gauthier Furrer: Es braucht Anlaufstellen, wo man einfach hingehen kann, wenn man Probleme hat. Früher war es noch möglich, sich mit verschiedensten Problemen an die Sozialdienste der Gemeinden zu wenden. Heute wird dort in erster Linie der Zugang zu gesetzlichen Leistungen ermöglicht. Die Diakonie kümmert sich um alle Leute mit diversen Problemen. Die Fachperson im Kirchlichen Sozialdienst berät und vermittelt den Zugang zu den verschiedenen Hilfsangeboten, sei dies in persönlichen, rechtlichen oder finanziellen Belangen, und schliesst somit eine Lücke im Versorgungsnetz als Anlauf- und Triagestelle. Dabei gilt ein grosses Augenmerk der immer grösser werdenden Gruppe der Working Poor. Professionelle Sozialarbeitende sind für diese Arbeit speziell qualifiziert.

Manche denken bei der Diakonie an Freiwilligenarbeit. Wie sehen Sie das?
Verena Gauthier Furrer: Es ist toll, wenn eine Pfarrei auf Freiwillige zurückgreifen kann. Wir brauchen sie. Freiwillige Mitarbeitende muss man begleiten und unterstützen, sonst geben sie auf. Man muss auch neue gewinnen. Darum sind vom 80-Prozent-Pensum der KRSD-Fachperson 30 Prozent für die Koordination der Freiwilligen vorgesehen.

Die Kirchgemeinden müssen ihre Mittel überlegt einsetzen. Warum sollen sie in die Diakonie investieren?
Verena Gauthier Furrer: Das Engagement der Kirche für die Diakonie wird von den Leuten erwartet: Von den eher distanzierten Kirchensteuerzahlenden, aber auch von der übrigen Gesellschaft. Auch Kirchenferne wollen, dass die Kirche mit ihrem Geld Gutes tut. Sie soll nicht nur Gebäude bereitstellen, diese sollen auch offen sein für die Menschen.

Peter Bernd: Die Diakonie ist die Basis allen kirchlichen Tuns. Zudem trägt sie bei zur Akzeptanz der Kirchen bei ihren Mitgliedern, in der Öffentlichkeit und beim Staat.

Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt für den Kirchlichen Regionalen Sozialdienst?
Peter Bernd: Noch stehen viele aus der Babyboomergeneration im kirchlichen Dienst. Wenn sie in nächster Zeit altershalber ausscheiden, wird es personell eng. Ein professioneller Sozialdienst stellt bei Vakanzen die Präsenz der Kirche sicher. Kirche der Zukunft wird auch vor Ort ein anderes Gesicht haben. Das müssen wir jetzt angehen.

Verena Gauthier Furrer: Man findet nur noch wenige Priester und Theologinnen. Die wenigen werden sich auf die Liturgie konzentrieren. In dieser Situation droht die Diakonie der Kirche verloren zu gehen.

Interview: Christian von Arx

 

Verena Gauthier Furrer, Sozialarbeiterin, Fachverantwortliche Diakonie im Pastoralen Zentrum Katholisch BL in Liestal.
Peter Bernd, Pfarrer, Pastoralraumleiter im Pastoralraum Frenke-Ergolz und Gemeindeleiter der Pfarrei Dreikönig Frenkendorf-Füllinsdorf.