Blick auf Le Cerneux-Péquignot mit seiner Dorfkirche Notre-Dame de la Visitation, erbaut 1690, umgebaut 1897, renoviert 1990. | © Christian von Arx
27.07.2020 – Aktuell

Das Katholikendorf im protestantischen Neuenburger Jura

«La Nouvelle Suisse»: Le Cerneux-Péquignot im Tal von La Brévine kam erst durch eine Grenzverschiebung 1819 zur Schweiz

Nach den Napoleonischen Kriegen schlugen die Siegermächte 1814 das französische Dorf Le Cerneux-Péquignot der Schweiz zu. Als die neue Grenze 1819 markiert wurde, entstand die einzige katholische Enklave im protestantischen Neuenburger Jura.

La Brévine! Schon der Name klingt wie ein Bibbern. Als Sibirien der Schweiz ist der Ort bekannt, mit minus 41,8 Grad im Januar 1987. Der Winter macht das Tal zum Langlaufparadies, und auch im Sommer ist es kühl. Das Hochtal auf 1000 Metern über Meer ist eine langgestreckte, flache Wanne, weit offen für die Bise. Wald, Wiesen, Weiden, alles grün. Nur ein paar Weiler und verstreute Höfe, die sich ins Gelände schmiegen.

Das Tal von La Brévine ist eine Welt für sich. Ursprünglich Wald und Moor, nach dem Jahr 1200 bewohnbar gemacht von Mönchen aus dem Tal von Morteau und Siedlern aus dem Val-de-Travers. Keine Sicht auf Städte oder Nachbartäler lenkt ab. Es gibt das Tal und den Himmel, sonst nichts. Natur und Mensch im Auge Gottes.

Etwa 1400 Menschen leben heute in den drei Gemeinden. Seit der Reformation gehören die Bewohner dieser kühlen, kargen Landschaft zur protestantischen Kirche. Aber wer sich im Dorf Le Cerneux-Péquignot umsieht, das leicht erhöht auf der nördlichen Talseite liegt, stutzt: Ein Kruzifix am Dorfplatz? Eine Madonna über dem Seiteneingang der Kirche? Und im Fels an der Waldstrasse eine winzige Nische für die Jungfrau von Lourdes? Die Zeichen sagen es: Le Cerneux-Péquignot ist eine seit alters katholische Pfarrei, die einzige in den Neuenburger Bergen und eine von nur drei im ganzen Kanton.

Siegermächte runden Schweizer Grenze ab

Entstanden ist dieses Unikum, als die Dorfkirche im Jahr 1819 sozusagen die Grenze von Frankreich in die Schweiz überquerte. Hintergrund war Napoleons Niederlage 1814. Nach seiner ersten Abdankung legten Österreich und dessen Verbündete im Ersten Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 die Grenzen Frankreichs fest. Auf Wunsch der Sieger musste der neue König Louis XVIII einen Streifen von etwa 15 Quadratkilometern zwischen Le Locle und La Brévine abtreten, um der Schweiz eine besser zu verteidigende Grenze zu geben. Mit einem einzigen Satz im Friedensvertrag verschoben Europas Monarchen das Dorf Le Cerneux-Péquignot mit seinen 300 Einwohnern – 273 Katholiken und 27 Protestanten – ins Fürstentum Neuenburg. Dieses trat kurz darauf mit dem Segen der Mächte als 21. Kanton dem schweizerischen Staatenbund bei, gehörte aber weiterhin dem König von Preussen.

La «Nouvelle frontière»: Die Grenzsteine von 1819 wurden für das 200-Jahr-Jubiläum gereinigt, die Sparren des alten Neuenburger Wappens mit Farbe akzentuiert. | © Christian von Arx

Allerdings war den Diplomaten in Paris das Gelände im Jura wenig vertraut. Aus ihrem Vertragstext wurde nicht klar, wo die Grenze nun genau verlaufen sollte. So vergingen fünf Jahre, bis Le Cerneux-Péquignot tatsächlich zur «Nouvelle Suisse» wurde. Erst im Lauf des Jahres 1819 wurde die 13 Kilometer lange neue Grenze mit Steinen markiert, die auf der einen Seite die drei Lilien des französischen Königs zeigen, auf der andern das alte Neuenburger Wappen, den Pfahl mit drei Sparren (Winkeln). Die neue Grenzlinie durchschnitt das Land der grossen Gutshöfe Maix-Rochat, Maix-Baillod und Maix-Lidor an der Strasse von La Brévine. So besetzten im Zweiten Weltkrieg die Deutschen die Käserei von Maix-Rochat, die haarscharf auf der französischen Seite liegt.

Neue Schweizer wider Willen

Vermutlich dauerte es im Frühjahr 1814 ein paar Tage oder Wochen, bis die Einwohner von Le Cerneux-Péquignot erfuhren, dass sie von fremden Regierungen ungefragt von der Freigrafschaft Burgund abgetrennt und den Neuenburger Nachbarn im Tal von La Brévine zugeschlagen worden waren. Sie sollen anfangs keineswegs begeistert gewesen sein: Laut einer Broschüre zum 300-Jahr-Jubiläum der Dorfkirche schrieben sie damals eine Petition gegen den Anschluss, weil sie in den Kriegen schwer unter dem Durchzug disziplinloser Truppen gelitten hätten, nicht nur der Alliierten, sondern auch der Eidgenossen.

Aber es half nichts. Anfang 1819 wurde Le Cerneux-Péquignot Teil der Eidgenossenschaft, als eine der letzten Gemeinden des heutigen Schweizer Staatsgebiets. Am 7. Januar 1819 verlas der Bürgermeister aus der französischen Nachbargemeinde Montlebon nach der Messe in der Dorfkirche einen Brief seines Präfekten, wonach die französischen Behörden die Verwaltung des an Neuenburg abgetretenen Territoriums einstellten.

Am gleichen Ort verkündete am 20. Februar David-Guillaume Huguenin, der Maire von La Brévine, den Einwohnern die Übernahme der provisorischen Verwaltung im Namen des Staates Neuenburg. Dabei versprach Huguenin, dass Neuenburg die Ausübung des katholischen Kultus garantieren und dessen Störung streng bestrafen werde. Nach Ausarbeitung der ersten Gemeindeordnung erklärte die Neuenburger Regierung am 8. Oktober 1820 Le Cerneux-Péquignot zur eigenständigen Gemeinde.

Uneinig sind sich die Berichte, wie die Bewohner steuerlich davonkamen. Laut der Kirchenfestschrift zahlten sie von 1814 bis 1820 keine Steuern; laut einem Bericht in der «Nouvelle Revue neuchâteloise» (Nr. 81, 2004) zog Frankreich von 1814 bis 1819 noch 26 000 Livres an Steuern ein. Unbestritten ist, dass die preussische Verwaltung Neuenburgs von den neuen Untertanen rückwirkend Steuern für diese Jahre erhob, aber einen Rabatt von 50 Prozent gewährte.

Seit 200 Jahren katholischer Sonderfall

Abbé Louis Veillard (1896–1982) kam 1925 als Pfarrer nach Le Cerneux-Péquignot und blieb hier 57 Jahre tätig, in den letzten Jahren noch als Aushilfe. Er war der letzte Pfarrer, der im Pfarrhaus neben der Kirche wohnte, seit 1976 wird die Pfarrei von Le Locle aus betreut. | © Christian von Arx

Die kirchliche Verwaltung trug der neuen politischen Zugehörigkeit Rechnung:  Am 18. Februar 1819 teilte der Erzbischof von Besançon dem Dorfpfarrer Abbé Dornier mit, dass Le Cerneux-Péquignot nun zum Bistum Lausanne gehöre. Am 26. Juli 1824 kam der Bischof von Lausanne für die Firmung ins Tal von La Brévine – wahrscheinlich war es der erste Bischofsbesuch überhaupt in dieser abgelegenen Pfarrei.

Heute, zweihundert Jahre später, hat Le Cerneux-Péquignot bei einer fast unveränderten Einwohnerzahl von 312 Personen (Ende 2019) noch immer eine deutliche Mehrheit von 46,8 Prozent Katholiken gegenüber 26,6 Prozent Protestanten. Einen eigenen Seelsorger hat das Dorf aber nicht mehr. War es 1839 noch der Pfarrer von Le Cerneux-Péquignot, der mit einer Geldsammlung in Frankreich den Bau einer katholischen Kirche in der protestantischen Stadt La Chaux-de-Fonds initiierte, wird die kleine Bergpfarrei heute ihrerseits im Rahmen der Unité pastorale des Montagnes neuchâteloises von Le Locle und La Chaux-de-Fonds aus betreut.

Zeugen einstiger Zugehörigkeit zur Franche-Comté

1690 bekam Le Cerneux-Péquignot erstmals eine eigene Kapelle für Gottesdienste im Dorf, die heutige Pfarrkirche Notre-Dame de la Visitation (Mariä Heimsuchung). Sie besitzt ein barockes Altarbild, das den Besuch Marias bei Elisabeth darstellt. 1897 wurde die Kapelle zur heutigen Kirche vergrössert, zum 300-Jahr-Jubiläum 1990 wurde sie renoviert. Jeden Sonntag um 10 Uhr wird in der Kirche Messe gefeiert.

Kurz vor dem Grenzübergang Le Gardot an der Strasse nach Morteau steht die Vierge du Gardot, eine Marienstatue in einem umzäunten Gärtchen von wenigen Quadratmetern. Das kleine Monument wurde 1866 errichtet.

Das Oratoire de Bétod, eine kleine Kapelle von 1776 im Weiler Bétod, einzigartig im protestantischen Kanton Neuenburg. | © Christian von Arx

Ein Kleinod aus der französischen Zeit ist das Oratoire de Bétod aus dem Jahr 1776. Es ist eine kleine Hauskapelle oder vielleicht eine Station eines ehemaligen Kreuzwegs im Weiler Bétod, etwa zwei Kilometer nordöstllch des Dorfes. Sie ist Maria und Joseph geweiht und hat eine barocke Ausstattung. Auch eine Darstellung der Schwarzen Madonna von Einsiedeln findet sich darin. Im Jahr 2010 ging die Kapelle aus dem Besitz der ortsansässigen Familie du Fou an die Neuenburger Sektion des Schweizer Heimatschutzes über und wurde 2011/12 sorgfältig restauriert. Der seit langem zerstörte Glockenturm nach Fotos rekonstruiert. Das Oratoire de Bétod ist einzigartig im Kanton Neuenburg. Ein ehemaliges Herrenhaus in Sichtweite dient heute einer buddhistischen Gemeinschaft als Zen-Tempel.

Aus neuerer Zeit stammt eine einfache Holzkapelle 300 Meter westlich der Dorfkirche, das Oratoire St-Nicolas. Nach Auskunft des Pfarreipräsidenten Pierre-Alain Buchs wurde sie in den 1960er-Jahren vom damaligen Männerverein, der Société des hommes, erbaut. Die Kapelle ist dem hl. Niklaus von Flüe geweiht und enthält eine Darstellung des Bruder Klaus aus Holz.

Einmal im Jahr Messe bei den kleinen Kapellen

Einmal im Jahr, jeweils im August, feiert die Pfarrei Le Cerneux-Péquignot eine Messe unter freiem Himmel beim Oratoire de Bétod. | © Claude Roulet

Beide Kapellen sind zu klein, um darin Gemeindegottesdienste abzuhalten. Trotzdem feiert die Pfarrei jeden Sommer je eine Messe im Freien vor diesen Kapellen. «Das ist eine schöne Tradition, an der die Pfarreiangehörigen hängen», berichtet Abbé Blaise Ngandu, der Leiter der Unité pastorale. «Sie organisieren alles für ein festliches Zusammensein. Das ist ein Gewinn für das Gemeinschaftsleben.» Die Messe beim Oratoire St-Nicolas, in der Regel mit etwa 30 Teilnehmenden, findet jeweils am Sonntag vor dem 1. August statt, dieses Jahr am 26. Juli (10 Uhr, bei schlechtem Wetter in der Kirche).  Zur Messe beim Oratoire de Bétod im August kommen laut Pierre-Alain Buchs jeweils etwa 60 Personen unterschiedlicher Konfession. Der diesjährige Termin ist Sonntag, 9. August, 10 Uhr.

Christian von Arx

 

Quellen:

L’église du Cerneux-Péquignot 1690–1990 – un tricentenaire (Festschrift der Pfarrei Le Cerneux-Péquignot, 1991, mit Texten zur Geschichte von Claude Simon-Vermot)

Francis Kaufmann, La Chanson du Maix-Rochat (Nouvelle Revue neuchâteloise No 81, 21e année, printemps 2004)

Pays de Neuchâtel insolite et secret (Nouvelle Revue neuchâteloise No 119-120, 30e année, hiver 2013)

 

Pfarrkirche Notre-Dame de la Visitation. | © Christian von Arx
Pfarrkirche Notre-Dame de la Visitation. | © Christian von Arx
Innenraum der Pfarrkirche Notre-Dame de la Visitation.  | © Christian von Arx
Innenraum der Pfarrkirche Notre-Dame de la Visitation. | © Christian von Arx
Madonna mit Kind über dem Seiteneingang der Pfarrkirche.  | © Christian von Arx
Madonna mit Kind über dem Seiteneingang der Pfarrkirche. | © Christian von Arx
Altarbilder im Oratoire de Bétod, zuoberst eine Darstellung der Schwarzen Madonna von Einsiedeln.  | © Claude Roulet
Altarbilder im Oratoire de Bétod, zuoberst eine Darstellung der Schwarzen Madonna von Einsiedeln. | © Claude Roulet
Das Oratoire St-Nicolas, in den 1960er-Jahren von der Société des hommes errichtet, liegt an einem Weg etwa 300 m westlich der Pfarrkirche.  | © Christian von Arx
Das Oratoire St-Nicolas, in den 1960er-Jahren von der Société des hommes errichtet, liegt an einem Weg etwa 300 m westlich der Pfarrkirche. | © Christian von Arx
Blick durch das als Kreuz gestaltete Gitter des Oratoire St-Nicolas auf die geschnitzte Darstellung von Bruder Klaus.  | © Christian von Arx
Blick durch das als Kreuz gestaltete Gitter des Oratoire St-Nicolas auf die geschnitzte Darstellung von Bruder Klaus. | © Christian von Arx
Die Kapelle Sainte-Anne im Weiler Les Cenoniers (Gemeinde Montlebon, Frankreich), erbaut 1877, liegt etwa 2 km von der Schweizer Grenze entfernt.  | © Claude Roulet
Die Kapelle Sainte-Anne im Weiler Les Cenoniers (Gemeinde Montlebon, Frankreich), erbaut 1877, liegt etwa 2 km von der Schweizer Grenze entfernt. | © Claude Roulet
Altar in der Kapelle Sainte-Anne von Les Cenoniers.  | © Claude Roulet
Altar in der Kapelle Sainte-Anne von Les Cenoniers. | © Claude Roulet
Fenster in der Kapelle Sainte-Anne in Les Cenoniers.  | © Claude Roulet
Fenster in der Kapelle Sainte-Anne in Les Cenoniers. | © Claude Roulet
Die Kapelle Notre-Dame du Rosoire im Weiler Les Fontenottes (Gemeinde Montlebon, Frankreich), erbaut 1691, wenige Kilometer von der heutigen Landesgrenze entfernt. | © Claude Roulet
Die Kapelle Notre-Dame du Rosoire im Weiler Les Fontenottes (Gemeinde Montlebon, Frankreich), erbaut 1691, wenige Kilometer von der heutigen Landesgrenze entfernt. | © Claude Roulet
Diese Schnitzerei in Notre-Dame du Rosoire stellt das Gelübde von 1639 (im Dreissigjährigen Krieg) für den Bau der Kapelle dar. | © Claude Roulet
Diese Schnitzerei in Notre-Dame du Rosoire stellt das Gelübde von 1639 (im Dreissigjährigen Krieg) für den Bau der Kapelle dar. | © Claude Roulet
Geschnitzte Rosenkranz-Madonna in der Kapelle Notre-Dame du Rosoire in Les Fontenottes. | © Claude Roulet
Geschnitzte Rosenkranz-Madonna in der Kapelle Notre-Dame du Rosoire in Les Fontenottes. | © Claude Roulet
Der Maix-Rochat, einer der grossen «Maix» (Gutshöfe) von Le Cerneux-Péquignot, deren Bewirtschaftungsgebiet durch die neue Grenze von 1819 zerschnitten wurde. | © Christian von Arx
Der Maix-Rochat, einer der grossen «Maix» (Gutshöfe) von Le Cerneux-Péquignot, deren Bewirtschaftungsgebiet durch die neue Grenze von 1819 zerschnitten wurde. | © Christian von Arx
Das «Chalet» von Maix-Rochat, wo bis in die 1970er-Jahre jeweils im Sommer die Milch frisch zu Gruyère verarbeitet wurde, liegt haarscharf auf der französischen Seite der Grenze (der Hof in der Schweiz). | © Christian von Arx
Das «Chalet» von Maix-Rochat, wo bis in die 1970er-Jahre jeweils im Sommer die Milch frisch zu Gruyère verarbeitet wurde, liegt haarscharf auf der französischen Seite der Grenze (der Hof in der Schweiz). | © Christian von Arx
Das auf der französischen Seite liegende «Chalet» von Maix-Rochat war im Zweiten Weltkrieg zweieinhalb Jahre lang von den Deutschen besetzt, die Bewirtschaftung von der Schweiz aus war nicht möglich. | © Christian von Arx
Das auf der französischen Seite liegende «Chalet» von Maix-Rochat war im Zweiten Weltkrieg zweieinhalb Jahre lang von den Deutschen besetzt, die Bewirtschaftung von der Schweiz aus war nicht möglich. | © Christian von Arx