Trauriges Gedenken: 215 Paar Schuhe vor der Vancouver Art Gallery erinnern an die Kinder, deren sterbliche Überreste man auf dem Gelände eines ehemaligen Internats in Kamloops (Kanada) gefunden hat.| © wikimedia/Frozemint
29.07.2021 – Hintergrund

«Dafür tragen wir Verantwortung, auch ich persönlich»

Urban Federer, Abt des Benediktinerklosters Einsiedeln, will historisches Unrecht in Nordamerika aufklären

Abt Urban Federer bedauert, dass sich die katholische Kirche für die Verbrechen in Kanada noch nicht entschuldigt hat. Er selbst übernimmt eine Mitverantwortung für das, was Schweizer Benediktiner in Nordamerika getan haben.

Laut dem Luzerner Historiker Manuel Menrath gibt es keine Belege dafür, dass Schweizer Benediktiner in kanadischen Umerziehungsinternaten tätig waren. Gibt es in Ihrem Kopfkino dennoch Szenarien, dass Sie eine moralische Mitverantwortung für den kulturellen Völkermord haben könnten?

Abt Urban Federer: Einige Ordensleute aus der Schweiz, auch aus dem Kloster Einsiedeln, waren an der schändlichen «Indianermission» in den USA beteiligt und haben die unmenschliche Ideologie geteilt: Die indianische Kultur sei minderwertig und die Indigenen müssten zu «kultivierten Weissen» umerzogen werden.

Zumindest das wissen wir. Auch wenn keine direkten Beziehungen von ehemaligen Einsiedler Mönchen zu den Umerziehungsschulen in Kanada bestanden haben, ist das schlimm genug. Als heutiger Abt des Klosters Einsiedeln stehe ich in der Verantwortung mitzuhelfen, dieses historische Unrecht aufzuklären. Das sind wir den zahllosen Opfern schuldig, dafür tragen wir Verantwortung, auch ich persönlich.

Manuel Menrath hat in seiner Forschung eine problematische Figur entdeckt: den Einsiedler Benediktiner Martin Marty. Was sagen Sie zu den Vorwürfen gegen ihn?

Das Buch von Manuel Menrath ist 2015 erschienen, ich habe das Vorwort geschrieben. Nach der Lektüre war ich gleich dreimal betroffen: als Europäer, als Katholik und als Abt von Einsiedeln. Einerseits war die Umerziehung vom Staat gewollt und diente zur Besetzung des Landes der indigenen Völker durch weisse Siedler. Dahinter stand ein fataler Eurozentrismus, wie ich in meinem Vorwort geschrieben habe. Die «abendländische Kultur» wurde als überlegen betrachtet. Ich war schockiert zu sehen, wie die Kirche mitgeholfen hat, die ganze Kultur der Indigenen auszulöschen. Dies im fatalen Irrglauben, so würden die «Seelen dieser jungen Menschen gerettet».

Was können Sie tun, um Verantwortung zu übernehmen?

Im Benediktinerorden sind wir vernetzt. Gemeinsam mit Abt Christian von Engelberg werde ich die freundschaftlichen Verbindungen mit unseren Gründungen in den USA nützen. Wir setzen uns dafür ein, dass die dortigen Verantwortlichen alles in ihrer Macht Liegende tun, um die Verbrechen an der indianischen Kultur und den Menschen aufzuklären. Auch wenn es noch so schlimm ist und ein dunkler Schatten auf das Wirken der Kirche in dieser Zeit fällt. Wir unterstützen unsere Tochterklöster dabei, so gut wir können.

Kanadas Premier Justin Trudeau fordert eine Entschuldigung von Papst Franziskus. Verstehen Sie, dass der Papst erst einmal abwarten möchte?

Belastend ist es für mich schon, dass sich der kanadische Staat und andere Konfessionen entschuldigt haben, nicht aber die katholische Kirche. Papst Franziskus hat bereits seine Betroffenheit und seinen Schmerz dazu ausgedrückt. Ich gehe davon aus, dass er bei einer guten Gelegenheit die indigenen Völker Kanadas um Entschuldigung bittet. Das hat er jedenfalls 2015 bei seinem Besuch in Bolivien getan.

Wie rassistisch waren die Schweizer Tochterklöster in den USA? Wann gab es den ersten Mönch «of colour»?

Als ich 1993 in St. Meinrad ankam, lernte ich ziemlich schnell einen Mönch kennen, der von sich sagte, er sei der erste Mönch «of colour» in diesem Kloster: Pater Cyprian Davis. Pater Cyprian war nicht nur stolz darauf, sondern wurde auch zum führenden Wissenschaftler, um den Platz der afro-amerikanischen Bevölkerung in der römisch-katholischen Kirche zu erforschen. Für diese Bevölkerung setzte er sich auch im Alltag mit Schriften und Predigten ein.

Öffnete sich St. Meinrad vor oder nach Martin Luther King für Mönche «of colour»?

Pater Cyprian trat 1950 in St. Meinrad ein. Bis da bestand die Gemeinschaft nur aus Mitgliedern mit einem europäischen Hintergrund. Pater Cyprian erzählte mir eine Geschichte, die viel über die Einstellung der Weissen zur afro-amerikanischen Bevölkerung im Süden Indianas im 19. Jahrhundert aussagt: Einsiedeln hat seinen Gründungen immer eine Kopie des Einsiedler Gnadenbildes geschenkt. Für St. Meinrad musste die Madonna allerdings weiss sein. Erst im 20. Jahrhundert wurde es möglich, diese Statue durch eine Schwarze Madonna zu ersetzen.

Welcher Aspekt erscheint Ihnen noch wichtig?

Es ist wichtig, sich mit der Geschichte zu beschäftigen – auch wenn sie schmerzvoll ist –, um die Gegenwart zu verstehen. Die Lehren muss ich aber im Hier und Heute ziehen. Da ich immer noch Lehrer bin, ist es für mich wichtig, Bildung nicht zu verwechseln mit dem Überstülpen meiner Meinungen. Gerne begleite ich Schülerinnen und Schüler auf einem Stück Weg und hoffe dabei, sie in die Freiheit Christi zu führen. Diese Auffassung von Mission rechnet mit der Freiheit dieser jungen Menschen und damit, dass sie selbst entdecken müssen, was in ihnen angelegt ist. Verantwortung ist für mich christlich gesehen dann eine Antwort – auf den Anruf Gottes, der an das Gewissen jedes Menschen ergeht.

Interview: Raphael Rauch, kath.ch (stark gekürzte Fassung)