Ausgabe 6-7, 3. bis 16. Februar 2018

«Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage», klagt Ijob. (Foto: Wikimedia/Erik Zachte) «Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage», klagt Ijob. (Foto: Wikimedia/Erik Zachte)



IJOB 7,1–4.6–7
Ijob ergriff das Wort und sprach: Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der ­Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners? Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Tagelöhner, der auf den Lohn wartet.
So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu. Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert. Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage,
der Faden geht aus, sie schwinden dahin. Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist. Nie mehr schaut mein Auge Glück.

Einheitsübersetzung


Stille auf dem Abstellgleis

Morgens früh auf dem Abstellgleis. Frisch und munter, am Anfang eines neuen Jahres, bin ich früher als sonst auf dem Weg zur Arbeit. Ich steige in die S-Bahn auf dem immer gleichen Gleis. Keine Leute im Zug? Da ich ja die Stille liebe – sie ist meine Freundin geworden –, kann es mir nur recht sein. Der Zug fährt langsam an – aber in die falsche Richtung! In Richtung Olten? Ich muss nach Lenzburg. Dann gibt es zwischen Aarau und Schönenwerd einen Ruck. Nichts mehr. Der Zugführer und sein Begleiter kommen nach vorne: «Was machen Sie denn da?» Sie hätten doch eben die Leute aus dem Zug geschickt. In 30 Minuten fahre der Zug wieder Richtung Aarau. Ich solle ja nicht aussteigen, weil die Züge mit 140 Kilometer pro Stunde vorbeifahren! Auf diese Idee wäre ich gar nicht gekommen, denn ich bin nicht mehr die Jüngste. Dann sitze ich da. Draussen noch Nacht. Ich lehnte mich zurück. Zuerst Ärger, dann kehrte Stille ein. Nur vorbeirasende Züge mal rechts, mal links vom Abstellgleis.

Ich bin beeindruckt von der Eile der Züge und ich mittendrin. Nur Ruhe. Nichts mehr. Mein morgendlicher Schwung wurde plötzlich abgebremst. Ich kann nichts mehr beeinflussen. Und so sind für mich die vorbeirasenden Züge – mal links, mal rechts – wie «das Weberschiffchen», welches beim Weben hin und her schnellt – so lesen wir im Buch des Ijob. Beim Stehenbleiben und Nichtstun wird mir bewusst, wie schnell die Zeit vorbeieilt, die Zeit meines Lebens. Und sie scheint immer schneller zu eilen. Und die Fragen kommen, wie: Was ist im Leben gelungen? Was fehlte? Was machte mich glücklich? Was mache ich mit den Enttäuschungen?

Ijob, der alles hatte, er war reich an materiellen Gütern, reich an Beziehungen, reich an Freude, reich an Gesundheit und reich vor allem durch die Freundschaft mit Gott. Er hatte dies alles verloren ausser dem nackten Überleben. Man sagt auch, er hatte nichts mehr als sein Hemd auf dem Leib. Ijob erfuhr Schimpf und Schande. Er klagte und haderte in Nacht und Not. Aber Ijob liess sich nicht runterkriegen, er blieb dran, bis er im Nichts seinen Gott wiederentdeckte, seine Freundschaft und die Gewissheit aus der dunkelsten Tiefe «Doch ich, ich weiss: mein Erlöser lebt» (Ijob 19,25).

Wenn das Leben nur Eile wäre, nur Kämpfen, nur Denken im Freund- und Feindschema, nur Erhaschen des Glücks, nur Gewinnen und Verlieren – das ist es alles auch – würde unserem Dasein die Puste ausgehen. Hie und da würden wir, wenn es hochkommt, vielleicht Gott klagen: «Herr, du hast dich geirrt, als du mir dies oder jenes geschehen liessest.»

Eine mögliche Lösung und Erlösung ist die der Dankbarkeit für das, was war. Nach und nach scheint mir das Danken ein Ausweg zu sein, aus den Widerständen gegenüber dem Widerfahrenen herauszukommen. Wenn Enttäuschung überwiegen würde, ist diese aus menschlicher Kraft nicht wegzublasen und «wegzufühlen». Die Enttäuschungen des Lebens können wir vielleicht der «Mutter Erde» übergeben oder dem Gott, zu dem Ijob geschrien hat.

Vielleicht finden wir, wenn die Eile an uns vorbeisaust, Sekunden und Minuten der Stille und des Friedens in uns selbst mit allem Drum und Dran.

Anna-Marie Fürst, Theologin,
arbeitet in der Gefängnisseelsorge und
in der Seelsorge für Menschen mit Behinderung
in den Kantonen Aargau, Basel-Stadt und Zug


 

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