Ausgabe 3, 13. bis 19. Januar 2018

Seine Natur lässt den Hund den Ruf seines Herrchens erwarten und fordern. (Foto: Uwe Schlick/pixelio.de)Seine Natur lässt den Hund den Ruf seines Herrchens erwarten und fordern. (Foto: Uwe Schlick/pixelio.de)



1 SAMUEL 3,3b–10.19
In jenen Tagen schlief der junge Samuel im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr Samuel, und Samuel antwortete: Hier bin ich. Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen. (...) Da rief der Herr den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich wieder ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat zu ihm heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel antwortete: ­Rede, denn dein Diener hört. Samuel wuchs heran, und der Herr war mit ihm und liess keines von all seinen Worten unerfüllt.

Einheitsübersetzung, gekürzt


Vom Suchen und Gerufen-Werden

Es war ein schöner Herbsttag. Die Sonne schien und ein angenehm kühler Herbstwind trieb die Blätter im Garten umher. Kurzentschlossen machte ich mich für einen Spaziergang bereit. Bettelnd und schwanzwedelnd folgte mir unser Hund bis zur Tür. «Na gut, dann komm halt auch mit», dachte ich und nahm ihn an die Leine. Wir hatten ihn noch nicht so lange und ehrlich gesagt, war ich auch nicht gerade sein grösster Fan. Zielstrebig stiegen wir den Hügel hinauf in den Wald. Am Waldrand nahm ich ihn von der Leine und warf ihm einen Holzstock, den er freudig apportierte. Er wartete nur darauf, dass ich ihn wieder und noch weiter wegwarf. Das ging eine Weile so, bis der Stock aus Versehen irgendwo im Gebüsch landete und mein Hund darin verschwand. Weg war der Stock, mitsamt Hund … Das Gebüsch hatte sie verschluckt. «Na, der wird schon wieder kommen», dachte ich und wartete geduldig. Nach und nach verlor ich die Geduld und rief den Hund. Ich horchte. Kein Mucks war zu hören, nicht einmal das Rascheln von Laub oder Geäst. Ich rief noch lauter und bestimmter. Aber nichts regte sich. Wollte er mich zum Narren halten? Hätte ich ihn doch nur nicht von der Leine gelassen! Mühsam suchte ich mir einen Weg durch das dornenverwachsene Gebüsch. Schliesslich entdeckte ich da den Vierbeiner, wie er seelenvergnügt am Boden in der Sonne lag und genüsslich am Stock herumkaute.

Auf dem Rückweg fiel mir die Geschichte von Rabbi Baruch ein, die ich einmal bei Martin Buber in seinen chassidischen Erzählungen gelesen hatte: Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suchte. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck; aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Weinend kam er in die Stube seines Grossvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: «So spricht Gott auch: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.»

Wie luxuriös erging es da im Gegenzug dem Samuel? Er musste Gott nicht suchen, sondern wurde gar von ihm gerufen, auch wenn es eine Weile dauerte, bis sein Lehrer Eli das entsprechend deuten konnte. Vielleicht ist es so, dass heute keiner mehr Gott suchen will. Jedoch möchte ich mich fragen, ob nicht wenigstens die Möglichkeit besteht, dass er uns sucht, wie damals Samuel? Wie, wenn nicht auf diese Weise, sollen wir die Weihnachtsereignisse deuten?

Mit was für einem guten Gefühl können wir also ins neue Jahr starten, wenn wir es im Bewusstsein tun, dass Gott uns auch im neuen Jahr suchen wird? Schliessen wir diese Option in unserem Leben mit ein! Wir können doch so gut Ereignisse antizipieren und stellen uns vor, wie wir im Sommer Geburtstag feiern werden und wen wir alles einladen. Oder wie wir mit unseren besten Freunden eine Reise oder Wanderung machen und wie toll das wiederum sein wird! Warum sollten wir nicht ernsthaft in Betracht ziehen, dass es im neuen Jahr Situationen geben wird, in denen wir von Gott gerufen werden?!

Mathias Jäggi, Theologe und Sozialarbeiter in der Pfarrei Heilig-Kreuz, Binningen-Bottmingen, Berufsschullehrer und Fachhochschuldozent

 

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