Ausgabe 40-42, 30. September bis 20. Oktober 2017

«Non, je ne regrette rien»: Edith Piaf (1915–1963) bei einem Auftritt in ihrem letzten Lebensjahr (13. Dezember 1962). (Foto: Eric Koch, Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief)«Non, je ne regrette rien»: Edith Piaf (1915–1963) bei einem Auftritt in ihrem letzten Lebensjahr (13. Dezember 1962). (Foto: Eric Koch, Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief)


EZECHIEL 18,25–28
So spricht der Herr: Ihr sagt: Das Verhalten des Herrn ist nicht richtig. – Hört doch, ihr vom Haus Israel: Mein Verhalten soll nicht richtig sein? Nein, euer Verhalten ist nicht richtig. Wenn der Gerechte sein rechtschaffenes Leben aufgibt und unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. Wenn sich der Schuldige von dem Unrecht abwendet, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben.

Einheitsübersetzung


Die Reue ist ein starker Kick

Bibeltheologisch lassen sich diese paar Sätze leicht einordnen. Sie stellen, heisst es etwa, «einen entscheidenden Fortschritt in der Entfaltung der sittlichen Botschaft des Alten Testamentes» dar. Das bedeutet: Überwindung der Solidarhaftung, die für die Zeit der Patriarchen und für die Jahrhunderte bis zum Untergang Jerusalems als selbstverständlich galt. Der Prophet Ezechiel, der diesen Untergang in den Jahren zwischen 600 und 587 v.Chr. erlebte, wird somit «zum Theoretiker der individuellen Verantwortlichkeit. Heil oder Unheil eines Menschen hängen nicht von seinen Vorfahren, auch nicht von seinen Angehörigen, ja nicht einmal von seiner eigenen Vergangenheit ab. Allein die gegenwärtige Haltung des Herzens fällt vor Jahwe ins Gewicht» (Neue Jerusalemer Bibel, S. 1210); Umkehr werde fortan als ein «streng persönlicher» Akt verstanden, den uns kein Kollektiv abnehmen und keine höhere Instanz verordnen kann.

In dem Zusammenhang möchte ich eine Herzensregung erwähnen, die uns allen bestens bekannt ist: Die Reue. In diesem starken, höchstpersönlichen Gefühl vermengt sich manch Widersprüchliches. Das Bedauern etwa über eine begangene Dummheit, deren Folgen unumkehrbar sind. Oder die Selbstverwünschung wegen einer verpassten Gelegenheit, die mir nie wieder angeboten werden wird. Oder die Wehmut, viel Potenzial ungenutzt in der Vergangenheit zurücklassen zu müssen. Oder Trauer und Scham gegenüber Menschen, die mir auf dem Gewissen lasten. Vielleicht verbindet sich mit der Reue der Wunsch nach Wiedergutmachung, ein Hoffnungsfunke, doch noch eine Chance zu erhalten, die Bereitschaft, ein Zeichen des guten Willens zu setzen.

Die Reue ist ein starker Kick, der etwas in Gang zu bringen vermag, was uns sonst kaum je gelingt: Die Umkehr! Es ist der feste Wille, uns zu ändern, vom Schatten ins Licht zu treten, zurückzukehren auf den Pfad der Tugend. Die Reue will uns befreien von den Ketten der Vergangenheit, sie motiviert uns, es in Zukunft besser zu machen.

Wenn freilich von der Reue die Rede ist, kommt mir als erstes nicht der Prophet Ezechiel in den Sinn, sondern eher die unsterbliche Stimme der Edith Piaf und ihr grandioses Chanson, in dem auch Unverschämtheit und frivolité anklingen: «Non, rien de rien, non, je ne regrette rien. Ni le bien qu’on m’a fait, ni le mal, tout ça m’est bien égal … C’est payé, balayé, oublié, je me fous du passé … mes chagrins, mes plaisirs, je n’ai plus besoin d’eux … balayé les amours … balayé pour toujours, je repars à zéro …»

Ein starkes Stück, so selbstbewusst und voller Widersprüchlichkeit aufzutreten und sich dabei die Seele aus dem Leib zu singen und für sich vorneweg das in Anspruch zu nehmen, was der Prophet mit der Umkehr verknüpft, nämlich das Leben, nichts weniger: «Wenn er umkehrt, wird er am Leben bleiben.» Eine paradoxe Sache, das Leben, auch das Glaubensleben. Der Spatz von Paris pfiff offensichtlich auf die Mahnungen des Propheten, wollte nichts bereuen und nichts bedauern, und trotzdem alles hinter sich lassen und wieder bei null beginnen. Wie das zusammengeht? «Gott weiss». Im Himmel werden auch wir wissen, dort also, wo wir der Umkehr nicht mehr bedürfen und sich die Widersprüche auflösen werden, wo uns dafür die Reue umso mehr auf dem Herzen brennen wird.

Abt Peter von Sury, Mariastein

 

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