Ausgabe 37, 9. bis 15. September 2017

Zum Schwinden der Gletscher wirken Wissenschaftler als Wächter – glücklich, wer in Fragen von persönlicher Schuld und Verantwortung eine Wächterin oder einen Wächter findet. (Otmar Luttmann/pixelio.de)Zum Schwinden der Gletscher wirken Wissenschaftler als Wächter – glücklich, wer in Fragen von persönlicher Schuld und Verantwortung eine Wächterin oder einen Wächter findet. (Otmar Luttmann/pixelio.de)


Ezechiel 33,7–9
So spricht der Herr: Du Menschensohn, ich gebe dich dem Haus Israel als Wächter; wenn du ein Wort aus meinem Mund hörst, musst du sie vor mir warnen.
Wenn ich zu einem, der sich schuldig gemacht hat, sage: Du musst sterben!, und wenn du nicht redest und den Schuldigen nicht warnst, um ihn von seinem Weg ab­zubringen, dann wird der Schuldige seiner Sünde wegen sterben. Von dir aber fordere ich Rechenschaft für sein Blut.
Wenn du aber den Schuldigen vor seinem Weg gewarnt hast, damit er umkehrt, und wenn er dennoch auf seinem Weg nicht ­umkehrt, dann wird er seiner Sünde wegen sterben; du aber hast dein Leben gerettet.

Einheitsübersetzung


Manchmal braucht es ein klares Wort

Ich bin eine leidenschaftliche Radiohörerin. Manchmal höre ich mehr oder weniger hin. Kürzlich sprach ein Wissenschaftler von der Zukunft der Gletscher in der Schweiz. In 80 Jahren wird es in der Schweiz keine Gletscher mehr geben. Hörte ich recht? Diese Tatsache schreckte mich auf und folgende Gedanken schossen mir durch den Kopf: Meine Kinder werden dies knapp nicht erleben, aber die Enkelgeneration? Es tut sehr weh, nicht? Was ist dann mit dem Wasserschloss Schweiz? Was mit den Flüssen Rhone, Inn und Rhein, welche Europa mit Wasser ernähren, beleben? Die Wissenschaftler sind wie «Wächter». Sie warnen, und wir hören fast weg oder doch nicht ganz? Welche Konsequenzen daraus ziehen? Und schon sind wir nahe am Text des Propheten Ezechiel. «Ich gebe dich dem Haus Israel als Wächter …», die Wissenschaftler quasi als «Wächter des Lebens»? Ja und ob! Wie tragen wir die Konsequenzen im persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Leben?

Mit dem mir vorgegebenen biblischen Text tue ich mich schwer. Bis jetzt verstand ich mich bestimmt nicht als «Wächterin». Welcher Anspruch! Bei diesem Gedanken kommt mir aber ein Gespräch vor wenigen Tagen mit einem Mann in den Sinn, der schwere Schuld auf sich geladen hatte. Dass ich sein Vertrauen habe, bedeutet mir als Seelsorgerin viel. Es war ein monatelanges und langsames Herantasten. Nach seinen Angaben würde ich einer wichtigen Person in seinem früheren Leben, «seiner Vormundin», gleichen. Das macht es mir leichter. Dann stellte ich ihm die Frage, die zu früh war: Wieso kam es zu Ihren Straftaten? Verhielt ich mich als «Wächterin»? Er antwortete mir, dass es bestimmte Voraussetzungen braucht, um dies sagen zu können. Und ich wusste, dass ich eine Spur zu neugierig und zu wenig geduldig war. Ich bin gespannt, ob es und wie es weitergeht mit dieser Begleitung. – Ich als Wächterin? Nein. Dieser Mensch weiss selber, was falsch war und bezahlt, und dies sage und schreibe ohne Bitterkeit!, eine lebenslange Haftstrafe.

Und doch kam mir mein Praktikumsbegleiter in den Sinn, der Jahrzehnte im Gefängnis als Seelsorger arbeitete. In einer unendlichen Geduld hörte er zu, denn es galt, die seelsorgerliche Beziehung nicht zu zerstören. Seine Worte waren: «Ich bin oft die einzige Person, mit dem die Gefangenen noch Kontakt haben. Also trage ich Sorge dazu.»

Es ist wichtig, dass wir Menschen nicht schummeln sollen, wenn es um schuldhaftes Verhalten und Verantwortung geht. Hinschauen, aber immer auch bei uns. Das macht uns klar, gerade und ehrlich. Und zu gegebener Zeit gilt es auch ein klares Wort zu sprechen, wenn das Leben von Menschen bedroht ist und Verantwortung für das Verhalten übernommen werden muss.

Im biblischen Text stellt Gott den Propheten Ezechiel schuldmindernd und schuldlösend vor den einzelnen Menschen. In unserer Zeit wie auch damals – der Text stammt aus dem 5. Jahrhundert vor der Zeitrechnung. Der Mensch erträgt seine Schwäche und Zerbrechlichkeit besser, wenn er von grosszügigen und selbstkritischen Menschen als Gegenüber begleitet wird. Glücklich, wer dies erleben durfte. So hält man sich besser aus und erhält Kraft zum Weitergehen.

Gott geht es darum, dass die Menschen aus Schuld, allerlei Verkrümmungen, Erstarrung und Hoffnungslosigkeit zu neuem Leben kommen. Das ist das Ziel. Und manchmal sind die «Wächter» dabei hilfreich.

Anna-Marie Fürst

 

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