Ausgabe 12, 18. bis 24. März 2017

Wenn der Durstige unerwartet fündig wird … (Foto: Günter Havlena/pixelio.de) Wenn der Durstige unerwartet fündig wird … (Foto: Günter Havlena/pixelio.de)


EXODUS 17, 3–7
In jenen Tagen dürstete das Volk nach Wasser und murrte gegen Mose.
Sie sagten: Warum überhaupt hast du uns aus Ägypten hierher geführt? Um uns,
unsere Söhne und unser Vieh verdursten zu lassen?
Mose schrie zum Herrn: Was soll ich mit diesem Volk anfangen? Es fehlt nur wenig, und sie steinigen mich.
Der Herr antwortete Mose: Geh am Volk vorbei und nimm einige von den Ältesten Israels mit; nimm auch den Stab in die Hand, mit dem du auf den Nil geschlagen hast, und geh! Dort drüben auf dem Felsen am Horeb werde ich vor dir stehen. Dann schlag auf den Felsen! Es wird Wasser herauskommen, und das Volk kann trinken.
Das tat Mose vor den Augen der Ältesten Israels.
Den Ort nannte er Massa und Meriba – Probe und Streit –, weil die Israeliten Streit begonnen und den Herrn auf die Probe gestellt hatten, indem sie sagten: Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?

Einheitsübersetzung


Durststrecken können gefährlich werden

Jeder Mensch kennt Durststrecken, mehr oder weniger bildlich. Die einen haben vergessen, ausreichend Wasser auf ihre Wanderung mitzunehmen und unterwegs gibt es keinen Kiosk. Andere brauchen enormen Durchhaltewillen, um ihre persönlichen Ziele zu erreichen. Allein, wer vermeiden will, dass die Vorräte verbraucht werden, der muss dort bleiben, wo die Versorgung stetig ist. Das können die «Fleischtöpfe Ägyptens» sein oder auch das «Hotel Mama». Beide Male ist der Preis hoch, sowohl die Abhängigkeit vom Versorger als auch der Verzicht auf die Freiheit eines eigenen Lebens.

Durststrecken können gefährlich werden. Das Leben hat nicht nur Abenteuer parat, die mit Garantie gut ausgehen. Das Leben ist der Ernstfall, und es gibt kein Recht darauf, ständig begleitet, beobachtet und beschützt zu werden. Da werden die Überlebensfähigkeiten auf Proben gestellt. Oft genug sind Durststrecken begleitet von Angst und Verzweiflung.

Um mit dem Bild des Exodus-Textes zu sprechen: In den Wüsten des Lebens stehen viele durstgeplagte Menschen vor Felswänden und hauen mit Stöcken und Fäusten vergeblich auf die Steine ein. Es kommt kein Wasser heraus, wenn kein Wasser drin ist. Mose hat den entscheidenden Hinweis bekommen, wo genau der verborgene Wasservorrat angezapft werden kann. Nur so konnte es gelingen, das Volk vor dem Verdursten zu retten.

Wer aber gibt uns den rettenden Tipp? Schauen wir den Durst genauer an: Es geht nicht allein um Wasser für den Leib. Es geht um vielerlei Durst. Da ist zum Beispiel die Frau, die auf ein Gespräch, auf Zuwendung und Zärtlichkeit wartet. Aber ihr Mann hat nichts gelernt seit der Hochzeit, seine anfänglichen Bemühungen sind fehlgeschlagen, er ist frustriert, weil seine Erwartungen an die Frau nicht erfüllt werden. Beide sind verhärtet, sind einander zum verschlossenen Felsen geworden. Sie schreien einander an, schlagen vielleicht gar aufeinander ein. Aber das gegenseitige Verständnis, das den Durst löschen könnte, wächst nicht. Am Ende liegen beide verdurstet in der Wüste.

Anderes Beispiel: Da ist ein Mann, der fleissig, aber ungeschickt ist. Er möchte um jeden Preis gesehen und anerkannt werden. Darum macht er im Betrieb ständig Vorschläge, wie alles besser gemacht werden könnte. Aber er wird nur ausgelacht. Jeder weiss: Der will sich nur wichtig machen. Und je lauter sie lachen, desto mehr ignorieren sie diesen Menschen. Niemand ist bereit, ihm die nötige Anerkennung zu geben, die für ein erfülltes Leben nötig ist. Am Ende lacht keiner mehr: Der Mann ist verdurstet, er hat sich das Leben genommen.

Wer könnte solchen Menschen in ihrer Lage, wer könnte uns in unserer Situation den guten Hinweis geben, wo eine Quelle für die lebenserhaltende Kraft zu finden ist? Die Is­raeliten gehen zu Mose, ihrer Autorität, und der geht zu seinem Gott, seinem Herrn. Mose hätte auch die Unterstützung eines Organi­sationsberaters suchen können. Aber der kann nur helfen, die schwindenden Ressourcen auf immer weniger Menschen zu verteilen, Opfer hin oder her. Mose fragt Gott. Und Gott schweigt nicht.
Gott macht Mut, damit aufzuhören, auf trockene Felsen einzuschlagen, die niemals Wasser spenden werden. Gott macht Mut, den vertrockneten Ort zu verlassen, woanders anzuklopfen und sehnsuchtsvoll erhofft und dennoch unerwartet fündig zu werden. Am Ende geht es um die Schlussfrage der Israeliten in der Wüste: Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?

Ludwig Hesse

 

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