JONA, 1,1–3
Das Wort des Herrn erging an Jona, den Sohn Amittais: Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, in die grosse Stadt, und droh ihr das Strafgericht an! Denn die Kunde von ihrer Schlechtigkeit ist bis zu mir heraufgedrungen. – Jona machte sich auf den Weg; doch er wollte nach Tarschisch fliehen, weit weg vom Herrn. Er ging also nach Jafo hinab und fand dort ein Schiff, das nach Tarschisch fuhr. Er bezahlte das Fahrgeld und ging an Bord, um nach Tarschisch mitzufahren, weit weg vom Herrn.
Wie kommt es, dass Menschen, die um ihre Bestimmung wissen, sich vehement dagegen sperren, ihrer Berufung zu folgen?
Auf diese Frage gibt der weitere Verlauf der Lehrerzählung von Jona keine Antwort. Ein Sturm fegt übers Meer, in dem die Seeleute ein Strafgericht Gottes sehen. Sie suchen nach dem Schuldigen, und das Los fällt auf Jona. Der wird ins Meer geworfen und von einem Fisch verschlungen, der ihn nach drei Tagen an Land speit. Da entschliesst sich Jona doch noch, nach Ninive zu gehen und das Gericht anzukünden. Als seine Busspredigt einschlägt wie ein von Gott selber geschleuderter Blitz und die Niniviter in Sack und Asche Busse tun und selbst das Vieh zum Fasten verdonnern, ärgert sich der Prophet über den Erfolg seiner Rede, statt sich zu freuen. Und hadert mit seinem Gott!
Warum flieht Jona vor Gott? Weshalb entzieht er sich seinem Auftrag? Mag der Erzähler sich auf das Dass beschränken, das ist sein gutes Recht, aber ein schlechter Dienst, den er uns leistet; denn uns interessiert das Warum. Dabei kommen wir über blosse Mutmassungen nicht hinaus. Diesbezügliche Spekulationen finden sich schon bei den Rabbinen. Jona soll den Ninivitern den Untergang ihrer Stadt ankündigen. Was aber, wenn Gott sich doch noch erweichen lässt? Dann steht Jona nicht nur vor den Israeliten, sondern auch vor den Völkern der Welt als Lügenprophet da!
Wenn dem so ist, flieht Jona aus purer Angst vor einem möglichen Gesichtsverlust – eigentlich nicht direkt vor Gott, sondern vor seiner Berufung und damit vor sich selbst. Statt sein Leben zu leben, verkriecht er sich im hintersten Winkel der Welt.
Manche Leser und Leserinnen der Jona-Geschichte werden sich in Jona wiedererkennen. Im Grunde ist da die Rede von Menschen, welche eine erkannte Wahrheit nicht zu leben sich getrauen, aus Angst vor der Meinung der anderen. Sie fügen sich fremden Erwartungen. Sie spuren. Und verlieren so ihre Identität und damit ihren Lebensmut und alle Schaffenskraft. Sie leben am Leben vorbei.
Es liesse sich eine endlose Kette von Beispielen anführen. Ein junger Mann wagt nicht, der Geliebten seine Liebe zu gestehen, weil seine Familie diese Verbindung als Mesalliance einstufen würde. Eine Frau erträgt jahrzehntelang die Gewalttätigkeiten ihres Mannes, weil sie unbewusst eine bodenlose Angst vor dem Alleinsein hat. Eine Mutter rackert sich wie eine Sklavin ab für ihren längst erwachsenen Sohn, weil sie nicht gegen die ihr in Kindestagen eingetrichterte Vorstellung ankommt, dass Mutterliebe keine Grenzen kennt … Immer wieder gibt es Menschen, die sich familiären, gesellschaftlichen oder kirchlichen Zwängen fügen und tun, was «man» von ihnen erwartet. Sie leben nicht, sondern sie werden gelebt.
Wir Menschen werden nur frei und beginnen erst wirklich zu leben, wenn wir es wagen, wir selber zu sein, will sagen, wenn wir den Mut aufbringen, der Stimme unseres Herzens zu folgen – gewiss nicht rücksichtslos gegenüber den anderen und auch nicht gegenüber uns selbst, aber auch ohne Angst vor dem Urteil der anderen und den oft damit verbundenen Selbstverurteilungen.
Josef Imbach
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