ZIPPORA Ex 2,16–22
Der Priester Midians hatte sieben Töchter. Die kamen, um Wasser zu schöpfen und die Tränkrinnen zu füllen, damit die Schafe und Ziegen ihres Vaters trinken könnten. Es tauchten aber andere Hirten auf, die stiessen
die Frauen zurück. Mose stand auf und half ihnen; er versorgte ihre Herde mit Wasser. Die Frauen gingen heim zu ihrem Vater Reguël. Der fragte sie: «Wieso seid ihr heute so früh zurück?» Sie sagten: «Ein Ägypter hat uns vor den Hirten in Schutz genommen; ja, er hat sogar Wasser geschöpft und unsere Tiere getränkt.» Darauf der Vater zu seinen Töchtern: «Und wo ist er jetzt? Was soll das: Ihr habt den Mann einfach dort stehen lassen? Ruft ihn sofort, er soll etwas zu essen bekommen!» Mose entschloss sich bald, bei diesem Mann zu bleiben; der gab Mose seine Tochter Zippora zur Frau. Sie gebar einen Sohn und er nannte ihn Gerschom, denn – so dachte er: «Ich bin Ausländer in einem fremden Land.»
Bibel in gerechter Sprache
Wer war eigentlich die Frau an der Seite Moses, der im Auftrag Gottes ein ganzes Volk in dessen neue Heimat führte? Heute gehört Mobilität um der Arbeit oder eines Auftrages willen noch viel mehr zu Beziehungen. Wie schauen Beziehungen aus, die von Mobilität und der Erfahrung der Heimatsuche geprägt sind?
Es könnte sein, dass die Frau an Moses Seite nicht zufällig Zippora, «Vögelchen», heisst: Flügge und flink kann oder muss sie sein, um diesem Mann, dem sie angeheiratet wurde, folgen zu können. Ihre erste Begegnung fand an einem Brunnen statt, normalerweise liegt das am Stadtrand, und ihr als Hirtin war das Unterwegssein sowieso nicht fremd. Wie nahm Zippora Mose wahr? Diesen unbekannten Fremden, dessen Entschlossenheit und entschiedener Ausstrahlung sich auch die Hirten beugten. Spürte sie Abenteuerlust, wollte sie so frei sein wie er? Oder nahm sie an ihm etwas Verlorenes wahr, die Unsicherheit eines verfolgten und einsamen Mannes, dem sie gerne Heimat werden wollte?
Heimat blieb auf jeden Fall ein Thema, denn Mose nannte ihren ersten Sohn «Gerschom (dt.: Gast-dort, Fremdling; die Red.) denn – so dacht er: Ich bin Ausländer in einem fremden Land.» (Ex 2,22b)
Trotz aller Gastfreundschaft und allem Respekt seitens seines Schwiegervaters fühlte er sich doch als Fremder. Es blieb eine Sehnsucht, die auch heute viele Menschen kennen. Es ist eine Sehnsucht nach Anerkennung, nach Da-Sein-Dürfen, nach Geborgenheit. Wenn so viele Paare heute bewusst oder gemusst die Fremde suchen, dann können wir davon ausgehen, dass diese Sehnsucht viele Herzen bewegt. Wissen wir davon? Sprechen wir darüber?
Heimat, das ist oft ein Geruch, ein bestimmter Ort, bestimmte Geräusche. Vielleicht ist Heimat angelegt wie ein Baum. Meine Wurzeln bleiben verbunden mit den Orten, an denen ich als Kind Zeit verbracht habe. Nie wieder werde ich so viel Zeit haben und daher ist diese Erfahrung etwas Einmaliges in jedem Leben. Der Stamm, der mich trägt, ist wie der Weg, den ich gegangen bin und immer noch gehe. Und doch ist auch die Krone Heimat, mit ihren vielen Blättern, Zweigen, Verästelungen, mit neuen Orten, die ich mir manchmal mühsam erobern muss. Heimat, das sind Orte und Menschen. Heimat, das bedeutet auch Vertrauen in den Weg, den ich gehe, und darauf, auf diesem Weg geführt und begleitet zu sein. Moses bekam viele Chancen, dieses Vertrauen in Begegnung mit Gott zu stärken. Und Zippora? Mit der Rückkehr nach Ägypten wird sie zur Fremden. Es scheint ein Scheitern in ihrer Beziehung gegeben zu haben. Wir erfahren in Exodus 18, dass sie von Mose entlassen wurde und zu ihrem Vater zurückkehrte. Dieser brachte sie und die Söhne dann jedoch wieder zu Mose, sie begleitete ihn dann weiterhin auf diesem Weg durch die Wüste in seine neue Heimat. Auch rettete sie Mose einmal in einer seltsam anmutenden Geschichte vor Gott (Ex 4), und Mose wiederum wird von seinen Geschwistern wegen der fremden Frau angefeindet (Num 12). Dort steht er dann zu ihr. Aber wie Zipporas Sehnsucht aussah, erfahren wir nicht. Gerade deshalb lädt sie uns ein, uns über die eigene Sehnsucht nach Heimat bewusst zu werden.
Kerstin Rödiger
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