Ausgabe 26, 23. bis 29. Juni 2012

Der Kammerdiener


2 Könige 5,19b–27

Als Naaman schon eine Strecke Weges von Elischa entfernt war, sagte sich Gehasi, der Diener Elischas, des Gottesmannes: Mein Herr hat diesen Aramäer Naaman geschont und nichts von dem angenommen, was er mitgebracht hatte. So wahr der Herr lebt: Ich werde ihm nachlaufen und mir etwas von ihm holen.
Gehasi eilte ihm also nach. Als ihn Naaman hinter sich herankommen sah, beugte er sich ihm vom Wagen aus zu und fragte: Steht alles gut? Er antwortete: Ja; nur lässt mein Herr sagen: Soeben sind vom Gebirge Efraim zwei junge Männer, zwei Prophetenjünger, zu mir gekommen. Gib ihnen doch ein Talent Silber und zwei Festkleider! Naaman erwiderte: Tu mir den Gefallen und nimm zwei Talente! Er bat ihn dringend darum und tat zwei Talente Silber in zwei Beutel, legte zwei Festkleider dazu und liess sie durch zwei Diener vor ihm hertragen. Als Gehasi auf der Höhe angekommen war, nahm er ihnen die Geschenke ab und brachte sie in das Haus. Die Männer schickte er weg und sie kehrten zurück. Er selbst ging hinein und trat vor seinen Herrn. Elischa fragte ihn: Woher kommst du, Gehasi? Er antwortete: Dein Knecht ist nirgendwohin gegangen. Da sagte Elischa zu ihm: War nicht mein Geist zugegen, als sich jemand von seinem Wagen aus dir zuwandte? Ist es denn Zeit, Geld anzunehmen und Kleider, Ölgärten, Weinberge, Schafe und Rinder, Knechte und Mägde zu erwerben? Der Aussatz Naamans aber soll für immer an dir und deinen Nachkommen haften. Gehasi ging hinaus und war vom Aussatz weiss wie Schnee.

Der angeklagte  Kammerdiener des  Papstes fährt im  Mai 2008 vorne im  Papamobil über den  Petersplatz. (Foto: Donatella Giagnori/Keystone)Der angeklagte Kammerdiener des Papstes fährt im Mai 2008 vorne im Papamobil über den Petersplatz. (Foto: Donatella Giagnori/Keystone)

Die Sache rund um den Kammerdiener des Papstes ist für die Betroffenen äusserst unangenehm und belastend. Inzwischen ist P. G. in Untersuchungshaft genommen und wurde verhört. Wer weiss, wie viel schmutzige Vatikanwäsche noch auf uns zukommen wird. Die Affäre wird als «Vatileaks» in die Chronik des Rumpfkirchenstaates eingehen. Ob finstere Hintermänner oder purpurgewandete Kardinäle die Strippen ziehen und hinter den Kulissen ein Machtkampf um die nächste Papstwahl tobt, wie «Vatikanexperten» mutmassen, oder ob es sich um einen Vorgang handelt, der in grösseren Institutionen und Organisationen unvermeidlich ist und mehr oder weniger zum courant normal eines Apparates gehört, wie der Vatikan ihn darstellt, scheint mir unerheblich.

Wichtig ist für mich eine doppelte Erkenntnis. Erstens ist die katholische Kirche wesentlich mehr als der Vatikan und seine vermeintlichen oder tatsächlichen Skandale, auf die sich der Tunnelblick des medialen Interesses zu fokussieren pflegt. Zweitens bezieht sich die Unfehlbarkeit des Papstes nicht auf seine Personalentscheide, ob es nun um Bischofsernennungen oder um die Anstellung des Kammerdieners geht. Auch für den Papst sind Personalentscheide ein risikoreiches Geschäft. Glück und Pech spielen mit hinein, unsorgfältige Selektion rächt sich früher oder später, intransparente Auswahlverfahren und unklare Auswahlkriterien können teuer zu stehen kommen ebenso wie persönliche Gefälligkeiten und falsches Mitleid zur falschen Zeit und am falschen Ort. Mit einem Wort: Perlen sind eben Perlen, äusserst rar und letztlich unbezahlbar. Doch das merkt man erst im Nachhinein. Vgl. Josef in Ägypten. Ihnen ein grosses Dankeschön!

Dem Papst mag es ein Trost sein, dass Ähnliches dem Propheten Elischa widerfahren ist. Auch er hatte einen Famulus, seinen «Johann». Sekretär, Kammerdiener, Vertrauensperson in einem, seine rechte Hand, dem er in aller Diskretion heikle Aufträge übertragen konnte. Sein Name war Gehasi. Laut Wörterbuch kann dies übersetzt werden mit «Der hervortretende Augen hat». Elischa erlebte grossen Kummer mit ihm. Im zweiten Buch der Könige wird eine Episode erzählt, welche Gehasi als unaufrichtigen und habgierigen Mann präsentiert, der das Vertrauen seines Herrn auf schäbige Weise missbraucht.

Elischa hatte den syrischen Feldherren Naaman vom Aussatz geheilt. Dieser wollte sich dafür mit einem fürstlichen Geschenk erkenntlich zeigen. Elischa jedoch, souverän und bescheiden zugleich, nahm es nicht an. Das war in den Augen Gehasis eine bodenlose Dummheit. Hinter dem Rücken Elischas wendet er sich an Naaman und erzählt diesem, angeblich im Auftrag seines Herrn, eine frei erfundene Geschichte, um an die Geschenke heranzukommen. Das gelingt ihm tatsächlich. Aber Elischa durchschaut das Tun seines Dieners. Die drastische Strafe, die er über ihn verhängt, zeigt, wie tief der Gottesmann durch den Vertrauensbruch seines Kammerdieners enttäuscht und verletzt ist. Dem Papst und jedem, dem so etwas widerfährt, wird nicht anders zumute sein. 

Abt Peter von Sury

 

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