Ausgabe 24, 9. bis 15. Juni 2012

Damit die Erholung nicht zu kurz kommt, empfiehlt es sich, sie in der Agenda einzutragen. (Foto: Marko Greitschus/Pixelio)Damit die Erholung nicht zu kurz kommt, empfiehlt es sich, sie in der Agenda einzutragen. (Foto: Marko Greitschus/Pixelio)


MATTHÄUS 15,12–30
Da kamen die Jünger zu ihm und sagten: Weisst du, dass die Pharisäer über deine Worte empört sind? Er antwortete ihnen: Lasst sie, es sind blinde Blindenführer. Und wenn ein Blinder einen Blinden führt, werden beide in eine Grube fallen …
Von dort zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie, denn sie schreit hinter uns her. Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist gross. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.


Jesus in der Sackgasse – vom Burn-out zum Time-out

Wenn man sich ordentlich in eine Sache festgebissen hat, braucht es einen richtigen Perspektivenwechsel, um wieder zu sich selbst zu kommen. Um den Blick wieder für die ganze Wirklichkeit öffnen zu können, brauchen wir Abstand, Exerzitien vielleicht, Ferien im angenehmsten Fall. Nicht selten kann eine Krankheit mit Spitalaufenthalt diese Distanz herstellen, aus der neu die richtige Gewichtung der Themen vorgenommen werden kann. Einigen Patienten kann klar werden, dass sie Korrekturen vornehmen müssen in ihrer Agenda.

Oft sind es ja gerade die Gegner, mit denen man sich mehr beschäftigt, als sie verdient haben. Da hat man sich für eine Sache eingesetzt, und plötzlich steckt man in einem Dauerstreit über die Details. Man kann nicht loslassen, muss jede Entgegnung beantworten, jedes Argument entkräften, worauf 

 nur ein neues Widerwort erfolgt, eventuell mit einer Verschärfung des Tons, bis man nicht mehr kann. Auch Jesus ist an die Grenze zum Burn-out gekommen, und ein Time-out ist für ihn nötig. Diese neudeutschen Ausdrücke beschreiben die Zustände der Gefangenschaft durch erdrückende Umstände und die Befreiung daraus. Interessanterweise ist Jesu Therapeutin eine hilfesuchende Frau. Dass es zu dieser für alle Beteiligten, eben auch für Jesus, heilsamen Begegnung kommt, war nicht vorhersehbar. Jesu Selbstdiagnose war schlicht: Ich muss hier raus.

Er hatte sich heillos verstrickt in die Diskussionen um Vorschriften, Gesetze und Ausführungsbestimmungen. Wenn Jesus auf dieser Ebene angekommen ist und sich um ein paar Weizenkörner oder ums Händewaschen vor dem Essen streitet, dann ist er in Schieflage geraten. Er wollte doch die grosse Entscheidung ankündigen. Das Ergebnis: Jesus ist in der Sackgasse.

Ein Urlaub im Ausland öffnet ihm den Blick wieder für die eigentlichen Nöte der Menschen. Ihretwegen war er ja aufgestanden, nicht wegen ein paar Gesetzesauslegungen. Die Ausländerin führt ihn zurück zum eigentlich Wichtigen. Sie schreit, lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Das Leben und die Gesundheit ihrer Tochter sind ihr wichtig. Dafür lässt sie sich als Hündin bezeichnen, ohne zu widersprechen. Sie bleibt bei ihrem Thema, kompromisslos.

Jesus ist ihr dankbar. So wird er es auch machen, kompromisslos auf der Linie seiner Botschaft bleiben und sich nicht wieder vom Thema abbringen lassen. Mit der Heilung der Tochter, die vom Dämon befreit wird, tritt auch die Heilung Jesu ein: Seine Verstrickung in innerjüdische Auseinandersetzungen ist beendet. Ein befreiter Jesus kehrt von seinem Time-out zurück. Sein Blick geht nun kompromisslos zum Menschen, zu jedem Menschen, der auf Heil und Heilung wartet.

Wie stets in seinen Wundergeschichten geht alles viel rascher als bei den Entwicklungen, die wir an uns selbst und an anderen beobachten. Bei Jesus ist eben alles schnell, er lernt schnell, heilt schnell, gesundet schnell. Wenn wir etwas mehr Zeit brauchen, macht das gar nichts. Aber das Muster seiner Kurskorrektur findet sich auch in unserem Leben. Das macht doch Mut für unsere Heilung, nicht wahr? 

Ludwig Hesse

 

Offene Stellen

ZUM THEMA

  • Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein

    Bis vor etwas mehr als fünfzig Jahren entschieden in manchen Familien Eltern selbstverständlich, welchen Beruf ihre Kinder ergreifen sollten. Der Älteste durfte eine Lehre machen, der Jüngere musste auf dem elterlichen Betrieb mitarbeiten, und die Jüngste verdiente ohne Berufslehre auswärts Geld für die Familie dazu. Die finanzielle Lage, das Geschlecht der Kinder und der Bedarf an eigenen Arbeitskräften waren ausschlaggebend. >> mehr...

  • Welche Kriterien gibt es, um gute Entscheidungen zu fällen?

    Im Rahmen ihres Semesterthemas «entscheiden» hat die Katholische Universitätsgemeinde Basel einen Workshop angeboten; Ziel war es, die eigene Entscheidungsfindung zu überprüfen. >> mehr...

 

Kirche heute
Innere Margarethenstrasse 26, 4051 Basel, Tel. 061 363 01 70, Fax 061 363 01 71, sekretariat@kirche-heute.ch