Ausgabe 21, 19. bis 25. Mai 2012

Wie sollen wir unsere Lebensziele finden ohne Träume, was triebe uns an? (Foto: Alexander Hauk/pixelio)Wie sollen wir unsere Lebensziele finden ohne Träume, was triebe uns an? (Foto: Alexander Hauk/pixelio)


 

MT 27,15–20
Es war üblich, dass der Präfekt zum Fest dem Volk zuliebe einen Gefangenen freigab, den die Leute wünschten. Damals gab es einen berühmten Gefangenen mit Namen Jesus Barabbas. Als sie sich nun versammelt hatten, sagte Pilatus zu ihnen: «Wen soll ich euch freilassen, Jesus Barabbas oder Jesus, der Messias genannt wird?» Er wusste nämlich, dass sie ihn aus Neid ausgeliefert hatten. Als er auf dem Richterstuhl sass, schickte seine Frau ihm eine Botschaft, in der sie sagte: «Halte dich von jenem Gerechten fern. Seinetwegen habe ich diese Nacht im Traum viel ausgestanden.»

Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache


Träume, die das ganze Leben verändern

Mein Traum war es, nach Brasilien zu gehen. Keine Ahnung, wo dieser Traum herkam, er war auf einmal da. War es, weil jemand von diesem Land erzählt hatte? War es ein Bericht im Fernsehen? Ich habe daran keine Erinnerung, für mich tauchte der Traum einfach auf. Nicht aus dem Nichts, sondern aus meinem tiefsten Inneren, so als wäre er schon immer da gewesen und hätte nur darauf gewartet, an die Oberfläche zu steigen.

Ich weiss aber noch, dass es für die Realisierung dann so etwas wie «Pfeiler» gegeben hat, die diese mitgetragen haben. Allen voran der Spruch von Rilke, der mir von einem Spruchkalender her zuflatterte: «So wie ein Traum scheints zu beginnen, und wie ein Schicksal geht es aus.» Es brauchte Menschen, die mit mir an diesen Traum glaubten. Es brauchte ein paar glückliche Fügungen und ein beinahe blindes Vertrauen, dass einfach alles möglich ist und gut wird. 

Wenn ich heute daran zurückdenke, dann ist es für mich immer noch ein Wunder. Wäre ich nicht nach Brasilien gegangen, dann wäre ich heute nicht hier in der Schweiz, dann würde ich kaum diesen Beruf ausüben, dann wäre meine Geschichte eine andere geworden. 

Beim Recherchieren fiel mir auf, dass dieser Satz, der mich schon so lange Jahre begleitet, eigentlich Teil eines ganzen Gedichtes ist. Der erste Satz lautet: «Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.» Geht es hier um einen Tagtraum oder eher darum, wie real Träume sind? Ich vermute Letzteres. Ist es nicht so, dass wir ohne Träume nur ein Teil von dem sind, was wir sein könnten? Unsere Träume ermutigen uns, Neues zu sehen, Ungewohntes zu entdecken, das Unrealistische zu wagen und dadurch neu zu uns zu kommen. Wieder fiel mir dazu ein Gedicht in die Hände: 

Ich träumte
Dass mein Traum kam
Er sagt:
Träume schon endlich!
Ich sah ihn an:
Was? Dich?
Nein, dich!
Sonst gibt es dich nicht. 

(Erich Fried)

Auch in der Bibel träumen Menschen, sehr oft verbirgt sich darin eine Botschaft Gottes. So spielen im Matthäusevangelium Träume bei der Geburt Jesu eine Rolle: Dort träumen die Sterndeuter und Josef träumt, und diese Träume retten Jesus vor der Verfolgung des Herodes. Dass nun der Traum gerade wieder in der Passion auftritt, zeigt wohl, wie bewusst dieses Motiv eingesetzt wird. Die Frau des Pilatus hat Albträume, sie erkennt im Traum, dass Jesus unschuldig verurteilt wird. Sie möchte diesen Traum befolgen und informiert ihren Mann, aber er träumt nicht mit ihr. Was wäre wohl sonst passiert? Träume sind Träume. Ihnen zu folgen oder sie umzusetzen ist noch einmal etwas anderes. Und doch kann ich mir vorstellen, dass dieser Traum die Frau des Pilatus trotzdem veränderte. Ihr und ihrem Traum wurde auch von der späteren Tradition eine grössere Bedeutung zugemessen, als es dieser eine Bibelvers vermuten lässt. Die Frau bekam sogar einen Namen, Procula Claudia, und sie wurde zur Heiligen. Gertrud von le Fort widmet ihr eine Novelle: Dort hat der Traum zur Folge, dass sie sich den Christen annähert, sich zwar nicht taufen lässt, schliesslich aber doch mit ihnen verhaftet wird, und dass sie mutig das Martyrium für ihren Glauben erleidet. 

Und Sie? Welcher Traum veränderte ihr Leben? Oder besser: Welcher Traum bringt Sie mehr ins Leben? 

Kerstin Rödiger, Theologin

 

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