Ausgabe 20, 12. bis 18. Mai 2012

Demo für direkte Demokratie:  Passanten und Passantinnen strecken am 1. August 2011 an der  Zürcher Landsgemeinde Wahlzettel in die Höhe.  (Foto: Keystone/Steffen Schmidt )Demo für direkte Demokratie: Passanten und Passantinnen strecken am 1. August 2011 an der Zürcher Landsgemeinde Wahlzettel in die Höhe. (Foto: Keystone/Steffen Schmidt )


 

2 KÖN 8,1–6
Elischa sagte zu der Frau, deren Sohn er zum Leben erweckt hatte: Mach dich auf, zieh mit deiner Familie fort und halte dich irgendwo in der Fremde auf; denn der Herr hat eine Hungersnot verhängt. Schon kommt sie über das Land und sie wird sieben Jahre dauern. Da machte sich die Frau auf den Weg und tat, was ihr der Gottesmann geraten hatte. Sie zog mit ihren Angehörigen fort und hielt sich sieben Jahre im Land der Philister auf. Nach Ablauf von sieben Jahren kehrte sie aus dem Land der Philister zurück und ging zum König, um wegen ihres Hauses und ihrer Felder seine Hilfe zu erbitten. Der König war gerade im Gespräch mit Gehasi, dem Diener des Gottesmannes, und hatte ihn aufgefordert: Erzähl mir alles Grosse, das Elischa vollbracht hat. Während dieser dem König erzählte, wie Elischa den Toten zum Leben erweckt hatte, kam die Frau, deren Sohn er zum Leben erweckt hatte, um wegen ihres Hauses und ihrer Felder die Hilfe des Königs zu erbitten. Da sagte Gehasi: Das, mein Herr und König, ist die Frau und das ist ihr Sohn, den Elischa zum Leben erweckt hat. Nun fragte der König die Frau selbst und sie erzählte ihm alles. Darauf gab ihr der König einen Beamten mit und trug ihm auf: Verschaff ihr alles wieder, was ihr gehört, auch den ganzen Ertrag ihrer Felder von dem Tag an, da sie das Land verlassen hat, bis heute.



Leben wagen, wo es von Not und Tod bedroht ist

Leidvolle oder schwierige Lebensgeschichten beeindrucken uns dann am meisten, wenn sie nicht im Problembehafteten oder Schmerzlichen stecken bleiben, sondern Trotzdem-Lebenswertes aufzeigen und anregen, auch eigene anspruchsvolle Herausforderungen mutig anzupacken. 

Die ersten acht Kapitel des zweiten Königsbuches erzählen die Geschichte einer Frau aus dem 9. Jahrhundert vor Christus, die sich den Schwierigkeiten in ihrem Leben mutig stellt und sie im Blick auf ihren Gott aktiv gestaltet. Denn sie traut ihm viel zu. Die Frau aus Schunem, wie der Bibeltext sie nennt, gewährt einem Propheten namens Elischa und seinem Diener Gehasi grosszügig Gastfreundschaft (vgl. «Kirche heute» 4/2012). Sie richtet für Elischa, den sie als besonders gottnah erkennt, im oberen Stock ein eigenes Zimmer her.

Das Wunder geschieht
Für diese Geste will sich der Gottesmann bei der Frau bedanken und lässt sie durch seinen Diener fragen, womit er sich erkenntlich zeigen könnte. Die Frau bezeichnet sich selbst als restlos zufrieden. Sie lebt mit ihrem schon älteren Mann und den Dorfbewohnern in guter Gemeinschaft. Dass sie kinderlos geblieben ist, erwähnt sie nicht. Elischa erkennt, was ihr fehlt, und prophezeit ihr, sie werde in einem Jahr einen Sohn gebären. Wie auch in andern biblischen Geschichten, erwidert die zukünftige Mutter die Zusage mit Blick auf das Alter ihres Mannes mit berechtigten Zweifeln. 

Doch das Wunder geschieht, sie wird schwanger und schenkt einem Sohn das Leben. Bereits als kleiner Junge wird dieser aber krank und stirbt innerhalb weniger Stunden. Die Schunemiterin legt den toten Knaben auf das Bett des Gottesmannes im oberen Stock des Hauses und macht sich auf den Weg, Elischa zu suchen. Der weilt auf dem Berg Karmel und will sich erst nicht persönlich um den toten Knaben kümmern. Auf das Drängen der Frau geht er schliesslich mit ihr, wirft sich auf das Kind und erweckt es zum Leben. Doch noch kehrt keine Ruhe ein in das Leben der Frau aus Schunem. Elischa tritt auf sie zu mit den Worten: «Mach dich auf, zieh mit deiner Familie fort, denn eine Hungersnot wird über das Land kommen.» (2 Kön 8,1b) Sie glaubt dem Wort des Propheten, wagt den Schritt in die Fremde und zieht mit ihrer Familie in ein weit entferntes Land. Nach sieben Jahre kehrt sie heim nach Schunem und erhält vom König durch einen wunderbaren Zufall all ihr Hab und Gut zurück.

Sie traut Gott etwas zu
Mitten in einer auf Männer ausgerichteten biblischen Welt begegnen wir einer Frau. Der hebräische Text bezeichnet sie als «grosse Frau» (2 Kön 4,8). Wofür mag sie uns mit ihrer Lebensgeschichte Hinweis sein? Ihre Gastfreundschaft, die Fähigkeit verborgene Spuren des Ewigen zu erkennen, ihr Absehen von Mangel und Gefährdung sowie das Hinschauen auf Möglichkeiten Leben trotz allem zu fördern, zeichnen sie aus. Als starke und eigenständige Person traut sie dem Ewigen Entscheidendes zu. Die Frau aus dem Dorf Schunem kann uns ermuntern, im Blick auf den Ewigen gerade da Leben zu wagen, wo es von Not und Tod bedroht ist – dem Leben zuliebe. 

Sr. Tamara Steiner

 

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