Ausgabe 11, 10. bis 16. März 2012

Am 12. November 1989 beim Potsdamerplatz in Berlin: Die Menschen feiern die Befreiung Ostdeutschlands durch den Mauerfall. (Foto: Lionel Cironneau/Keystone-AP)Am 12. November 1989 beim Potsdamerplatz in Berlin: Die Menschen feiern die Befreiung Ostdeutschlands durch den Mauerfall. (Foto: Lionel Cironneau/Keystone-AP)



EXODUS 15,20f
Singt JHWH!
Denn hoch erhaben ist er,
Rosse und Wagen warf er ins Meer!


MICHA 6,3f
Mein Volk, was habe ich dir getan
und womit habe ich dich ermüdet?
Antworte mir!
Ich habe dich doch
aus dem Lande Ägypten heraufgeführt,
und aus dem Sklavenhaus
habe ich dich losgekauft.
Und ich habe vor dir her gesandt
Mose, Aaron und Mirjam.


Mirjam und der Gott der Befreiung

Wenn jemand über die Strasse geht und sich gerade noch vor einem zu schnell fahrenden Auto in Sicherheit bringt, kann das verschieden interpretiert werden. Einer sagt: «Glück gehabt» oder «Ich bin noch einmal davongekommen». Ich könnte aber auch sagen: «Ich habe einen guten Schutzengel.» Es ist eine Frage der Interpretation, wie dieses Ereignis gesehen wird.

Als Israel den Ägyptern entkommen war und nach einer langen Wanderung durch die Wüste endlich etwas ausruhen konnte, gab es die Erklärung: «JHWH hat Israel aus Ägypten geführt.» Nicht aus eigener Kraft, auch nicht durch Zufall, ist man der Sklaverei entkommen, sondern durch Gottes Hilfe. Erstmals wird diese Glaubensaussage formuliert in dem Lied der Prophetin Mirjam:
Singt JHWH!
Denn hoch erhaben ist er,
Ross und Wagen warf er ins Meer!
In diesem Siegeslied preist sie den Gott der Befreiung. Solche Erfahrung ist überwältigend, aber sie muss in Worte gefasst werden, um weitergegeben zu werden. Diese Erfahrung von Rettung wird zum grundlegenden Glaubensbekenntnis Israels. In allen zentralen Texten des Alten Testaments kommt es vor, häufig auch in der ersten Person, wenn diese Gottheit sich vorstellt. So geschieht es in der Überschrift zu den Zehn Geboten: «Ich bin JHWH, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem Lande Ägypten, dem Sklavenhaus.» Mirjam hat dieses Glaubensbekenntnis als Erste formuliert, sie steht gleichwertig neben Mose und Aaron als eine der Führergestalten in diesem Geschehen. Der Prophet Micha (8. Jh. v.Chr.) nennt alle drei nebeneinander als von Gott selbst Beauftragte. Dabei steht Mose für das Gesetz, Aaron für den Kult und Mirjam für die Prophetie. In der ganzen Bibel sind Prophetinnen erwähnt, sie haben regelmässig eine wichtige Mittlerfunktion. Mirjam hat dann in der jüdischen Tradition grosse Beliebtheit erfahren. Meist wird sie mit einem Tamburin dargestellt, denn sie singt nicht nur das Lied, sie tanzt auch und spielt, fordert damit die Mitfeiernden zum Glauben auf.

Das Prophetenwort bei Micha kam früher in der Karfreitagsliturgie vor, in einem Text, in dem Gott in einer Klage aufführt, was er alles für sein Volk getan hat. Das Bekenntnis zum Gott der Befreiung gilt nämlich nicht nur für damals, sondern in immer neuen Situationen. In Vertreibung und Exil hat Israel sich erinnert und immer neu auf die Befreiung durch Gott vertraut. Was damals geschah, wird auch heute wirklich.

So ist es denn nicht verwunderlich, dass die beiden grossen theologischen Befreiungsbewegungen der letzten 50 Jahre, die Befreiungstheologie und die Feministische Theologie, diese Exodustexte besonders schätzen. Eine der ersten Veröffentlichungen feministischer Theologie in deutscher Sprache war das Büchlein von Elisabeth Moltmann-Wendel «Mit Mirjam durch das Schilfmeer». Auch zahlreiche Texte in der Kar- und Osterzeit stammen aus dem Exodus-Zusammenhang. Denn Ostern wird ja für Christen zu einer vergleichbaren Erfahrung von Befreiung wie für Israel der Auszug aus Ägypten, dem Sklavenhaus. Dort Befreiung aus Knechtschaft – hier Befreiung vom Tod.

Helen Schüngel-Straumann

 

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