LUKAS 13,10–17
Jesus lehrte in einer der Synagogen am Sabbat. Und seht, dort war eine Frau, die litt seit 18 Jahren an einem Geist, der sie schwach machte. Sie sass zusammengekrümmt und konnte den Kopf überhaupt nicht heben.
Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: «Frau, du bist erlöst von deiner Schwäche!
» Und er legte ihr die Hände auf und die Frau richtete sich sofort gerade auf und pries Gott. Daraufhin sagte der Synagogenvorsteher – er war aber über die Heilung am Sabbat verärgert – zum Volk: «Es gibt sechs Tage zum Arbeiten. An diesen Tagen könnt ihr kommen, um euch heilen zu lassen. Nicht aber am Sabbat!» Jesus antwortete ihm: «Macht euch nichts vor! Bindet nicht jeder und jede von euch den eigenen Ochs oder Esel vom Futterplatz los und führt das Tier zur Tränke? Sollte dann diese Frau, die Tochter Abrahams ist, die der Satan, seht, volle 18 Jahre lang gefesselt hat, nicht von dieser Fessel am Sabbat befreit werden?» Diese Worte beschämten all jene, die gegen Jesus gewesen waren. Das Volk hingegen freute sich über alle wunderbaren Taten, die durch Jesus geschahen. Bibel in gerechter Sprache
Ein bekannter Hit der deutschen Rap-Band «Die Fantastischen Vier» heisst «die da». In diesem will ein Sänger die Wochenendbekanntschaft des anderen sehen und fragt: «Ist es die da, die da am Eingang steht, oder die da, die dir den Kopf verdreht, oder die da, mit dem dicken Pulli an – nein, es ist die, die am Freitag nicht kann.» In Ermangelung eines Namens unterscheiden sich die Frauen über Funktionen oder Gegenstände. Die Identifikation braucht Eckpunkte. Falls kein Name vorhanden ist, müssen eben andere Strukturen fürs Erkennen und Wiedererkennen geschaffen werden.
Namenlos oder Name ohne Echo
Eine ganze Schar namenloser Frauen muss damit vorlieb nehmen, über einen bestimmten Aspekt erinnert zu werden: die blutflüssige Frau, die gekrümmte Frau, die Ehebrecherin, die Sünderin, die Sklavin Naamans, die Witwe von Sarepta, die Töchter Lots. Ich habe aber auch festgestellt, dass es im Gegenzug viele zwar namentlich genannte Frauen gibt, deren Namen in mir aber kein Echo auslösen: Priska, Lydia, Tabea. Viele werden nur kurz in
Grusslisten erwähnt und wir haben keine Geschichte zu ihnen, wissen zu wenig über ihr Geschick, ihren Alltag, ihren Auftrag. Schade. Keinen Namen zu haben, begrenzt einerseits die Figur oft auf nur einen Aspekt ihrer Person und Persönlichkeit, jedoch garantiert allein ein Name ohne Geschichte ebenso wenig eine lebendige Erinnerung.
Tochter Abrahams
Wer entscheidet denn nun eigentlich darüber, wie eine biblische Gestalt benannt wird? Warum erinnern wir uns etwa an die gekrümmte Frau meist als «gekrümmte Frau»? Die Geschichte aus Lukas 13,10–17 ist eigentlich bekannt. Jesus lehrt am Sabbat in der Synagoge und heilt eine Frau, die sich schon fast zwei Jahrzehnte lang nicht aufrichten kann. Er legt ihr die Hände auf, berührt sie und richtet sie auf. Und dann pries sie sofort
Gott, heisst es. Sie stimmt ein Gebet so laut an, dass es alle hören. Keinen Augenblick lang zweifelt sie daran, dass Jesus im Namen Gottes handelt. Das bewegt Jesus dazu, ihr einen neuen Namen zu geben: Im anschliessenden Streit um die Heilung am Sabbat nennt Jesus sie «diese Tochter Abrahams» (V.16), um klarzustellen, dass sie mehr wert ist als ein Tier, um das sich die Menschen auch am Sabbat kümmern müssen. Tochter Abrahams, das ist für mich ein Begriff für den Glauben, für Zugehörigkeit, für Wertschätzung. Warum erinnern wir uns an die gekrümmte Frau eigentlich nicht als «die Frau, die Jesus Tochter Abrahams nannte»? Sowohl ihre Gekrümmtheit als auch diese Bezeichnung sind einmalig in der Bibel.
Ein anderes markantes Beispiel findet sich in Lukas 7,36–50. Dort wird erzählt von der Sünderin, die Jesus die Füsse mit Tränen wäscht und salbt. Der Hausherr nennt sie eine stadtbekannte Sünderin, Jesus dagegen betont eine ganz andere Eigenschaft an ihr: Jesus sagt von ihr, sie liebe stark. Was, wenn wir sie als die grosse Liebende in unserem Gedächtnis behalten statt als die grosse Sünderin? «Die da», das sind Kämpferinnen, Beauftragte, Leidenschaftliche, Liebende, Weggefährtinnen. Sie sind es wert, dass wir das Beste, das Besondere an ihnen suchen und erinnern.
Kerstin Rödiger
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